Honduras |

Interview: "Wir stehen einem gewaltbereiten, betrügerischen Staat gegenüber"

Laura Zúñiga Cáceres (25 Jahre), Tochter der 2016 ermordeten Berta Cáceres. Foto: Markus Dorfmüller

Laura Zúñiga Cáceres (25 Jahre), Tochter der 2016 ermordeten Berta Cáceres, beobachtet derzeit in Tegucigalpa, Honduras, den Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder ihrer Mutter. Foto: Markus Dorfmüller

Laura Zúñiga Cáceres (25 Jahre) ist die Tochter der am 2. März 2016 ermordeten Berta Cáceres. Sie ist, wie ihre Mutter, Aktivistin der Organisation Copinh, des Rates der Volks- und Indigenenorganisationen von Honduras. Sie hat in Argentinien Geburtshilfe gelernt und ist derzeit für Copinh im Rahmen des Prozesses gegen die Mörder ihrer Mutter als Beobachterin in Tegucigalpa. 

Zweieinhalb Jahre nach dem Mord an Berta Cáceres läuft der erste von fünf Prozessen zur Verurteilung der Mörder und zur Aufklärung der Hintergründe des Mordes. Haben Sie Hoffnung auf Gerechtigkeit? 

In den zweieinhalb Jahre nach dem Mord an meiner Mutter hat es viele Versäumnisse gegeben, die dazu beitragen, dass die Verantwortlichen hinter der Tat bisher kaum sichtbar sind.  Es ist nicht ausreichend recherchiert und ermittelt worden. Was wir derzeit tun, ist, an die Justiz zu appellieren, ihre Arbeit zu machen. Deshalb haben die Anwälte und wir von Copinh recherchiert und auf Indizien und Versäumnisse hingewiesen. Parallel dazu hat es Demonstrationen gegeben. In diesem Kontext ist die internationale Beobachtung sehr wichtig. Für die internationalen Geber, die sich auch im Bereich der Justiz engagieren, bietet der Prozess Anschauungsunterricht. Hier lässt sich ein Eindruck der Dimension der Straflosigkeit erahnen, der wir in Honduras gegenüberstehen. Im Vorfeld und im laufenden Prozess hat es viele Versuche gegeben, die Wahrheit nicht ans Licht kommen zu lassen. 

Ein Beispiel?

Wenige Stunden nach dem Mord an meiner Mutter hat der zuständige Minister Julian Pacheco von einem Mord aus Eifersucht gesprochen. Da hatte es noch nicht einmal eine Obduktion gegeben. Das ist angesichts der Tatsache, dass meine Mutter über Jahre von dem verantwortlichen Unternehmen bedroht und diffamiert wurde, ein Widerspruch. 

Mitte November haben dreißig Abgeordnete des Europaparlaments an den Präsidenten  Juan Orlando Hernández einen Brief geschrieben, in dem sie an ihn appellieren, für einen transparenten Prozess im Mordfall Berta Cáceres zu sorgen. Haben derartige Briefe einen Effekt?

Ja, das sind wichtige Signale gegen die Straflosigkeit und sie haben einen Effekt. Deshalb sind Mitglieder von Copinh, darunter auch meine Schwester Berta und ich, im Vorfeld des Prozesses nach Europa und in die USA gefahren, um auf das Verfahren aufmerksam zu machen. Danach kam es zu weiteren Festnahmen. Ohne Aktionen von außen passiert hier nichts.

Heißt das im Umkehrschluss, dass Proteste und Demonstrationen in Honduras ignoriert werden?

Schlimmer: Sie werden unterdrückt, und deshalb brauchen wir die internationale Unterstützung.

Welche Rolle spielt der 1993 gegründete „Rat der Volks- und Indigenenorganisationen von Honduras“ (Copinh) – wird er gehört? 

Ja, aber die Regierung macht uns das Leben nicht leichter. In Honduras gibt es einen latenten Rassismus gegenüber den indigenen Ethnien. Sie werden stigmatisiert, oft als Menschen zweiter Klasse dargestellt. Copinh hat die indigenen Ethnien in Honduras erst sichtbar gemacht, denn vorher galten sie quasi als inexistent. Diese Ethnien haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, sich zu organisieren, ihre kollektiven Interessen und ihre Territorien zu verteidigen. Heute ist klar, dass indigene Gemeinschaften eigene, kollektive Entwicklungskonzepte haben, dass diese Ethnien sich klar artikulieren und gehört werden wollen – das ist auch ein Verdienst von Copinh. Dazu gehört zum Beispiel auch die Durchsetzung kollektiver Landtitel. Denn die Strukturen in den indigenen Gemeinden der Lenca, die eine der Antriebsfedern von Copinh sind, sind nun einmal kollektiver Natur. Wichtig ist auch, dass die Lenca ein Municipio, die selbst verwaltete Ortschaft San Francisco de Opalaca, durchgesetzt haben.

Ein weiterer Erfolg ist, dass eine neue Generation heranwächst, die politisch agiert und sich artikuliert – dazu zähle ich auch mich. 

Ist mit den Erfolgen von Copinh und der indigenen Gemeinden die Akzeptanz von Seiten des Staates gewachsen?

Nein, es gibt keinen Respekt von Seiten des Staates für die indigene Minderheit, aber es wurden indigene Territorien definiert. Das ist ein Fortschritt und dazu hat auch die Begleitung, die Solidarität von internationalen Organisationen beigetragen. Aber diese Erfolge müssen permanent verteidigt werden, denn es gibt von Seiten des Staates immer wieder Versuche, den sozialen Zusammenhalt zu zerstören – wir stehen einem autoritärem, gewaltbereiten, betrügerischen Staat gegenüber.

Welche Rolle spielt in diesem Kontext der Prozess gegen die Mörder Ihrer Mutter?

Er soll sichtbar machen, dass Teile der ökonomischen und politischen Elite des Landes an dem Mord beteiligt waren.

Weitere Nachrichten zu: Soziales, Indigene