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Interview mit Sergio Ramírez: Wandel zur Demokratie

Sergio Ramírez kämpfte als Comandante für die sandinistische Revolution in Nicaragua, mittlerweile zählt er zu den Größen der Literatur Mittelamerikas. Im Interview spricht er über die Repression von Präsident Ortega, die schwache Wirtschaft seiner Heimat und Romane.

Sergio Ramírez. Foto: Knut Henkel, Adveniat

Sergio Ramírez ist Ex-Comandante der sandinistischen Revolution in Nicaragua, Kritiker des Regimes von Daniel Ortega und einer der erfolgreichsten  Schriftsteller Mittelamerikas. 2017 erhielt er den Premio Cervantes den wichtigsten spanischsprachigen Literaturpreis. Zuletzt hat er seinen Kriminalroman "Um mich weint niemand mehr", ein bissiges Gesellschaftsporträt, vorgelegt.

Sie sind vorgestern von Managua nach Europa geflogen. Wie beurteilen Sie die Situation – es hat den Anschein, dass die Proteste wieder zunehmen?

 Die Proteste verlagern sich in die katholischen Kirchen des Landes, weil die Repression auf den öffentlichen Plätzen immens ist.

Am 14. November sind dreizehn Oppositionelle in Masaya verhaftet worden, weil sie sich mit den hungerstreikenden Müttern von politischen Gefangenen solidarisierten. Was bedeutet die Inhaftierung dieser Oppositionellen – unter Ihnen auch Amaya Coppens, eine junge Studentin, die erst im September in Deutschland war, um über die Situation in Nicaragua zu berichten.

Es ist ein Beleg der Intoleranz des Regimes. Die 13 Oppositionellen haben nichts weiter gemacht, als sich mit den Frauen zu solidarisieren, die in der Kirche San Miguel von Masaya ihren Hungerstreik durchführen, um die Freilassung der politischen Gefangenen zu erwirken. Es hat den Anschein, dass das Regime Härte zeigen will und neue Verfahren eingeleitet hat, um den Protest zu ersticken. Da dreht sich eine Spirale der Kriminalisierung des Protests.

Innerhalb der Europäischen Union gibt es derzeit Initiativen, Sanktionen über Nicaragua zu verhängen – was halten Sie davon?

Ich denke, dass die demokratischen Länder das Recht haben, Sanktionen über Länder zu verhängen, die gegen demokratische Spielregeln verstoßen. Aber ich denke nicht, dass die Sanktionen den demokratischen Wechsel in Nicaragua auf den Weg bringen werden. Das liegt in den Händen der Nicaraguaner und ich bin zuversichtlich, dass es diesen Wechsel geben wird.

Seit April 2018 laufen die Proteste gegen die Regierung von Daniel Ortega und seiner Frau Rosario Murillo. Die haben sich eingeigelt und setzen auf Repression. Was fehlt, um einen Wandel einzuleiten?

Ein transparenter Wahlprozess ist das, was das Land braucht. Daniel Ortega betrachtet Wahlen als Instrument zum Machterhalt, nicht als Option, den Willen der Wähler auszudrücken, oder als Mechanismus des demokratischen Wandels. Für ihn sind Wahlen nur dazu da, seine Macht zu legitimieren, und entsprechend funktioniert das Wahlsystem. Das müsste als erstes reformiert werden.

Wahlgerichte und Auszählungsmechanismen sind also nicht unabhängig?

Nein, keinesfalls. Sie befinden sich unter Kontrolle der Regierung, beziehungsweise von Ortega und Murillo, die an der Spitze Nicaraguas stehen.

Sie sind optimistisch, dass es einen demokratischen Wandel in Nicaragua geben wird – warum?

Es gibt Erosionsprozesse, die Wirtschaft geht immer weiter in die Knie, befindet sich in einer tiefen Krise. Das ist eine Folge der politischen Krise. Ohne Vertrauen in die Regierung sind Investitionen wenig wahrscheinlich, und ohne einen Wandel des politischen Regimes wird es auch keine ökonomische Erholung geben. Das ist ein Kreislauf, und ich denke, dass es keine Alternative zum demokratischen Wandel gibt. Dabei ist es das erste Mal in Nicaragua, dass der politische Wandel ohne Waffen pazifistisch von unten eingefordert wird. Das ist etwas vollkommen Neues. Dieser pazifistische Widerstand wird über kurz oder lang erfolgreich sein.

Wie halten sich Daniel Ortega und seine Regierung an der Macht – woher kommt noch Geld ins Land?

Es sind vor allem die Geldüberweisungen von Familienangehörigen aus dem Ausland, die Devisen ins Land bringen. Das ist die mit 1,8 Milliarden US-Dollar wichtigste Devisenquelle. Ohne dieses Geld wäre die Situation deutlich prekärer. Danach kommen mit Kaffee, Bananen, einigen wenigen Mineralien die traditionellen Exportprodukte des Landes.

Die alten Partner Ortegas - Venezuela, Iran, Russland, Taiwan und andere - sind nicht in der Lage oder Willens, die Regierung Ortega zu unterstützen. Russland hat der verbalen Unterstützung beispielsweise nie einen  Kredit folgen lassen. Taiwan hat das Geld nicht an den US-Sanktionen vorbei nach Managua schleusen können. Deshalb ist die finanzielle Situation des Regimes Ortega ausgesprochen prekär.

Wie denken Sie über Daniel Ortega? Hat er Sie zu Ihrem letzten Roman, dem Kriminalroman „Um mich weint niemand mehr“ inspiriert?

Er und seine Ehefrau Rosario Murillo repräsentieren die Macht in Nicaragua, versuchen eine Dynastie aufzubauen und haben die demokratischen Spielregeln ausgehebelt. Sie halten sich durch Repression an der Macht.

Aus literarischer Perspektive hat mich der esoterische Anstrich, den sie dem Land verliehen haben – zum Beispiel mit den Bäumen des Lebens, diese Kolossen aus Stahl, die überall aufgestellt wurden - durchaus inspiriert.

Hat die Klage von Daniel Ortegas Stieftochter Zoilamérica Narváez wegen Missbrauch gegen ihren Stiefvater Sie zu dem Roman inspiriert? In „Um mich weint niemand mehr“ geht es schließlich um einen Missbrauchsfall in einer einflussreichen nicaraguanischen Familie.

In Nicaragua ist das kein Einzelfall. In vielen einflussreichen Familien der ganzen Region ist der intrafamiliäre Missbrauch ein gravierendes Problem. Daher habe ich mich entschieden, dazu einen Roman zu schreiben – unabhängig vom konkreten Fall Daniel Ortega.

Allerdings ist die Nähe zu den Machtstrukturen um Daniel Ortega auffällig....

Ja, dort ist diese Figur des Millionärs Miguel Soto angesiedelt, der einen Detektiv anwirbt, um seine Stieftochter zu suchen, die verschwunden ist. Ganz bewusst wählt er aber die heruntergekommene Detektei von Dolores Morales, denn eigentlich soll gar nicht ermittelt werden. Soto möchte nur den Schein waren, hat sich mit der Beauftragung von Dolores Morales aber verkalkuliert.

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