Brasilien |

Interview: "Die Kirche muss zu den Armen stehen"

Das Movimento dos Trabalhadores Sem Teto (MTST), die Bewegung der obdachlosen Arbeiter in Brasilien ist Präsident Jair Bolsonaro ein Dorn im Auge. Im Norden São Paulos betreut der Priester und Adveniat-Projektpartner Antonio Frizzo ein von der Bewegung besetztes Stadtviertel. Mit Blickpunkt Lateinamerika hat er über Gewalt gegen soziale Aktivisten, die Situation ein Jahr nach Amtsantritt von Bolsonaro sowie über politische Gräben innerhalb der Kirche gesprochen.

Lateinamerika Brasilien Landlosenbewegung

Padre Antonio Frizzo aus Guarulhos im Norden von  São Paulo engagiert sich für die Landlosenbewegung. Foto: Felix Wellisch

Blickpunkt  Lateinamerika: Padre Frizzo, Präsident Bolsonaro nennt die Bewegung MTST „Terroristen“.  Wie hat sich Ihre Arbeit im letzten Jahr verändert, seit er sein Amt angetreten hat?

Padre Antonio Frizzo: Schwierig ist vor allem, dass es keinen Dialog mehr gibt. Unter den ehemaligen Präsidenten Lula (de Silva) und Dilma (Rousseff) war nicht alles gut, aber es gab zumindest Austausch und Respekt zwischen der Regierung und den sozialen Bewegungen. Das ist vorbei. Bolsonaro hat die Mitglieder der Bewegung schon im Wahlkampf als Terroristen bezeichnet, mit denen spreche er nicht. Bei einem Auftritt hatte Bolsonaro ein Sturmgewehr dabei. Für die MTST, wie er sagte. 

Wie sehen diese Drohungen heute aus?

Häufig werden die Anführer bedroht, sie sollten mit ihrem Engagement aufhören. Auch Morddrohungen sind nicht selten. Und es bleibt nicht bei Drohungen: Umweltschützer, Anführer der Landlosenbewegung und Politiker wurden umgebracht. Ein schlimmes Beispiel war der Mord an Marielle Franco 2018, einer schwarzen und offen lesbischen Politikerin, die sich gegen Polizeigewalt eingesetzt hat. Der mutmaßliche Täter wohnte sogar in der gleichen Straße wie Bolsonaro, es gibt möglicherweise eine Verbindung. 

Dazu kommt die Reform des Waffenrechts. Wenn du willst, kannst du dir heute sehr einfach eine Waffe kaufen. Noch hat es niemanden von der MTST erwischt, aber ich mache mir Sorgen. Es gibt viele Leute, die die Bewegung nicht mögen. 

Weil die Aktivisten Flächen und Häuser besetzen, die ihnen nicht gehören?

Die meisten Aktivisten sind Menschen, die sonst nirgendwo hin können. Für diese Leute heißt es: Entweder ein Stück Land besetzen oder auf der Straße leben. Im Grunde sind die Favelas in Brasilien nichts anderes: Leute kommen vom Land und bauen sich ein Zuhause, wo sie Platz finden. Hier im Norden von  São Paulo lebt etwa jede fünfte Person in einer illegalen Siedlung. Aber es gibt einen Unterschied zu den MTST-Besetzungen: Alkohol, Drogen und Gewalt sind verboten. Die Bewohner organisieren ihr Zusammenleben gemeinschaftlich, es gibt Versammlungen und Bildungsangebote. 

Wie viele Menschen gehören zur MTST?

Hier im Norden von  São Paulo gibt es drei Besetzungen, an denen 12.000 Menschen beteiligt sind. In  São Paulo sind etwa 40 Flächen oder Gebäude besetzt, und in ganz Brasilien zählen etwa 200.000 Menschen zur Bewegung. Die MTST hat ihre Wurzeln in der Landlosenbewegung, die sich seit den 1980er Jahren für eine Landreform einsetzt. Brasilien ist ein großes Land, die Flächen gehören aber nur einigen wenigen. 

Da heute 87 Prozent der Brasilianer in Städten leben, verschiebt sich das Problem. Als ich vor 30 Jahren hier im Norden von  São Paulo Priester wurde, bestand das Land um die Kirche noch aus Acker und Wald. Heute sieht man hier nur noch Häuser. Die MTST ist eine urbane Antwort auf die ungleiche Verteilung. 

Wie läuft eine Besetzung ab?

Die Objekte sind in der Regel gut ausgesucht, man informiert sich vorher: Wem gehört das Gelände? Eignet es sich für eine Besetzung? Am Stichtag werden Zelte und Hütten errichtet, in die die ersten Bewohner einziehen. Früher oder später kommt die Polizei, dann beginnen die Verhandlungen mit den Behörden und Gerichten. In Brasilien schreibt die Verfassung fest, dass Flächen und Häuser genutzt werden müssen und dass die Eigentümer andernfalls enteignet werden können. Auf dieser Basis werden die Siedlungen Schritt für Schritt legalisiert, darüber entscheidet zum Glück nicht Bolsonaro. 

Sondern?

Über die Besetzungen urteilen die Gerichte. Es gibt hier im Norden von  São Paulo einige Richter, die entgegen dem politischen Druck die Rechte der Besetzer anerkennen. Aber man sollte sich da auch nicht zu sicher fühlen. Schließlich war es Bolsonaro, der gesagt hat, dass man die Verfassung auch ändern könnte. Außerdem gibt es viele Richter, die diese Rechte in der Praxis nicht anwenden. 

Wie kamen Sie selbst dazu, mit der Bewegung zu arbeiten? 

Mich hat die Landlosenbewegung schon früher fasziniert, und als Priester habe ich mich den Armen verschrieben. Vor 16 Jahren gab es in meiner Gemeinde Guarulhos im Norden São Paulos eine große Besetzung. Ich bin dorthin gegangen und habe den Leuten geholfen, später habe ich die Menschen dort als Priester betreut. Heute ist aus der Besetzung ein legaler Stadtteil geworden, mit einer eigenen Kirche und einem Zuhause für etwa 2.000 Familien. 

Welche Rolle spielt die Kirche bei den Auseinandersetzungen zwischen der brasilianischen Regierung und den Bewegungen?

Papst Franziskus spricht sich sehr klar aus: Die Kirche muss zu den Armen stehen, zu den Menschen, die die negativen Folgen der Globalisierung zu tragen haben. Aber hier setzen viele Kirchenleute das nicht um. Die Kirche in Brasilien ist sehr gespalten, Konservative haben viele wichtige Positionen. Außerdem haben evangelikale Gemeinden in Brasilien starken Zulauf, viele ihrer Mitglieder unterstützen Bolsonaro und seinen neoliberalen Sparkurs.  

Trotzdem genießt Präsident Bolsonaro auch bei den Armen Unterstützung. Warum?

Weil viele schlecht informiert sind und weil sie die Einschnitte im sozialen Bereich nicht gleich im Geldbeutel spüren. Manches wird sich erst in ein paar Jahren bemerkbar machen. Es ist schwer, Armut zu lindern, aber leicht, sie zu verschlimmern. Vielleicht ist dieser Präsident aber auch eine Chance für die Bewegungen, weil dadurch vielen wieder klar wird, dass sie sich für ihre Rechte einsetzen müssen.

Weitere Nachrichten zu: Soziales