Mexiko |

Interview: "Die Eroberung Mexikos ist ein wichtiges weltgeschichtliches Datum"

Ein Interview mit Historiker Stefan Rinke (53). Er ist Leiter des Lateinamerika-Instituts an der Freien Universität Berlin. 

Vor 500 Jahren stach ein gewisser Hernan Cortes (1485-1547) von Kuba aus Richtung Mexiko in See - ein Ereignis von welthistorischer Tragweite, wie sich wenig später herausstellen sollte. Die spanischen Conquistadoren krempelten die Verhältnisse in Lateinamerika um; Kriege und Krankheiten rotteten ganze Völker aus; hoch entwickelte Gesellschaften verschwanden binnen Jahrzehnten, Gold und Silber gelangten in großer Menge nach Europa. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Ein Schädel aus der Azteken-Zeit. Zu sehen im INAH, National Museum of Anthropology, in Mexiko-Stadt (Foto: Gary Todd, Flickr, Public Domain Mark 1.0)

Herr Professor Rinke, wer war Hernan Cortes: Vernichter der indigenen Kulturen, Gründerfigur des neuzeitlichen Mexiko oder nur einer von vielen goldgierigen Conquistadoren?

Rinke: Cortes war ein typisches Kind seiner Zeit. Er wuchs auf in einem stark militarisierten Umfeld, in dem Gewalt zum Alltag gehörte. Soziale Rangunterschiede spielten eine große Rolle; zugleich konnte der von Ehrgeiz getriebene Cortes, obwohl er adlig war, in seiner spanischen Heimat nicht weiter aufsteigen. Er suchte daher in Übersee nach Möglichkeiten, zu Erfolg, Reichtum und Ruhm zu kommen.

Das ist ihm geglückt. Wie blicken Sie als Historiker und Lateinamerika-Kenner auf die Eroberung Mexikos?

Es ist - zusammen mit der Ankunft des Kolumbus in Amerika 1492 - ein wichtiges weltgeschichtliches Datum. Mit der Unterwerfung der Azteken durch Cortes, neben den Inka eines der beiden Großreiche auf dem Kontinent, beginnt die eigentliche Kolonisation Lateinamerikas.

Was bedeutete das für die Indigenen?

Blutige Kämpfe sowie tödliche, durch die Neuankömmlinge aus Spanien eingeschleppte Krankheiten und ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel in den Zonen, in denen Indigene und Europäer miteinander in Kontakt traten. Letztlich mündete es in ein stilles Sterben von Millionen Menschen und eine Entvölkerung ganzer Regionen. Das Hinterland kam allerdings zunächst relativ ungeschoren davon. Der Prozess der Landnahme durch die Spanier war in manchen Gegenden selbst zum Ende der kolonialen Ära im 19. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen.

Die Azteken verfügten über eine hoch entwickelte Kultur, ein komplexes Staatswesen und mit Tenochtitlan über ein politisches Zentrum, das die meisten Städte Europas in den Schatten stellte. Was hat das mit den Conquistadoren gemacht?

Das war für Cortes und seine Nachfolger eine völlig neue Dimension, öffnete ihnen die Augen für die Existenz kulturell hoch stehender fremder Welten - die in dem ihnen geläufigen biblischen Schema nicht vorkamen.

A propos Bibel - wie hat die Kirche auf das Treiben geschaut?

Sie war ein Antreiber der Kolonisation. Man erkannte in den Amerikas einen neuen Raum, der offensichtlich nicht vom Islam beherrscht wurde, gegen den man von Europa aus ständig Krieg führte. Hier taten sich aus Sicht der Kirche ungeahnte Perspektiven für eine Missionierung auf. Die Verantwortlichen begriffen dies als enorme Gabe und zugleich als einen Auftrag Gottes. Diesem Auftrag galt es nachzukommen.

Woran zeigte sich das?

Das Papsttum schaltete sich bereits im 15. Jahrhundert ein, um die Rivalitäten zwischen Spanien und Portugal bei der Besetzung neuer Territorien abzumildern. Der Vertrag von Tordesillas 1494 regelte schließlich die Aufteilung der Welt in eine portugiesische und eine spanische Hälfte.

Cortes selbst reiste in Begleitung von Geistlichen.

Sie sollten den Indigenen die Überlegenheit des christlichen Glaubens vor Augen führen - und die Europäer seelsorglich betreuen.

Letzteres klingt beinahe zynisch - bei all den Gräueltaten, die Cortes und Co begingen.

Cortes war ein frömmelnder Mensch, dem es wichtig war, seine Sünden immer wieder zu beichten, um sich von seiner Schuld zu befreien - die er nach allen christlichen Maßstäben in Hülle und Fülle auf sich geladen hat. Auch hier erwies sich Cortes als ein typischer frühneuzeitlicher Mensch.

Können Sie das näher beschreiben?

Er und seine Zeitgenossen steckten in einem beständigen Zwiespalt zwischen der Öffnung hin zur Welt, zu Reichtum und Ruhm und der Angst um das eigene Seelenheil.

Gab es aus der Kirche auch Kritik an den Conquistadoren?

Da sticht vor allem Bartolome de Las Casas heraus. Der Dominikaner konnte unter anderem deswegen so bekannt werden, weil er auf ein Echo in Spanien selbst stieß: Er durfte seine Kritik am Hof vorbringen. Den katholischen Königen war keineswegs egal, was sich in ihren Kolonien abspielte. Zum Selbstbild gehörte auch, dass man den neuen Untertanen einen gewissen Schutz schuldete und die Pflicht hatte, die Zahl der Christen zu mehren, anstatt die Menschen abzuschlachten.

Eine recht komplexe Gemengelage.

Hinzu kam, dass die Monarchie ein Interesse daran hatte, den Machtanspruch der Conquistadoren zurückzudrängen. Diesem Ansinnen spielte Las Casas mit seinen Berichten durchaus in die Karten.

Ungeheure Reichtümer, darunter auch jede Menge Kunst- und Kultobjekte, gelangten in der Folgezeit nach Europa. Derzeit gibt es vermehrt Debatten über die Rückgabe sogenannter Raubkunst. Dabei steht Afrika im Fokus. Wie schaut es für Lateinamerika aus?

Da gab es durchaus Ansätze - übrigens schon, bevor die aktuellen Diskussionen stattfanden. So erhielten indigene Stämme Zugang zu einigen Museumsdepots in Berlin, um mit den dort aufbewahrten Objekten kultische Handlungen zu vollziehen.

Was allerdings nichts mit einer Rückgabe zu tun hat.

In den mir bekannten Fällen wollten das die Gemeinschaften selbst gar nicht. Sie legten lediglich Wert darauf, freien Zugang zu den Objekten zu haben, wann immer sie wollten. Wichtig ist ein Dialog auf Augenhöhe. Die Geschichte darf nicht unter den Teppich gekehrt werden - aber wir sollten darauf achten, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.

Wie meinen Sie das?

Eine radikale Rückgabe aller Gegenstände erscheint mir kontraproduktiv, wenn dann etwa Objekte in privaten Safes verschwinden oder von korrupten Eliten weiterverkauft werden. Ich sage aber auch: Diese Diskussion wird uns die nächsten Jahrzehnte begleiten. Wir stehen erst am Anfang.

Rund drei Jahrhunderte bestimmten die Spanier die Geschicke der Menschen in Mittel- und Südamerika. Was davon ist geblieben?

Auch nach der Unabhängigkeit von Spanien blieben in allen Ländern soziale und wirtschaftliche Missstände bestehen; ganze Gruppen wurden aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert und ausgegrenzt. Eigentlich gelangten Indigene erst nach dem Ende des Kalten Krieges stärker an die Hebel der politischen Macht. Beispiele sind Evo Morales in Bolivien oder die multiethnischen Verfassungen wie in Kolumbien. Im Alltag liegt allerdings noch vieles im Argen. Die weiter bestehende enorme Ungleichheit bleibt ein wichtiger Treibsatz für immer neue Gewalt.

An deren Anfang Hernan Cortes steht?

Das ist etwas kurz gedacht. Gewaltsame Auseinandersetzungen gab es auch schon vor Cortes in Hülle und Fülle. Nicht alle Probleme von heute sind darauf zurückzuführen. Manche Angehörige der Eliten verhalten sich aber durchaus ähnlich wie seinerzeit Cortes.

Weitere Nachrichten zu: Panorama