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„Intershops“ sollen Devisenknappheit beseitigen

Harte Zeiten für Kuba: Venezuelas Kollaps und Trumps Sanktionen lassen die Insel an die schweren Zeiten der 1990er Jahre erinnern.

(Symbolfoto) Zwei Kubaner vor Hauseingang. Foto: Cathia Hecker/ Adveniat

Die Ochsenkarren sind zurück auf Kuba. Auf den Feldern in den Provinzen der Insel müssen die Bauern wieder mit der jahrhundertealten Methode anbauen, weil es keine Traktoren oder keinen Diesel gibt. 

Ärzte kehren nach Kuba zurück

Auch die Ärzte sind wieder da, rausgeschmissen aus Brasilien, Bolivien, Ecuador und El Salvador oder von der kubanischen Regierung zurückgeholt aus Venezuela. Experten wie Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Trainer waren Kubas wertvollster Export in den vergangenen Jahren. Sie brachten Devisen oder wurden mit Öl- und Nahrungsmittellieferungen verrechnet. 

Aber in einem für Kuba mittlerweile in vielen Staaten Lateinamerikas feindlichen Umfeld versiegt diese Quelle allmählich. Vergangenes Jahr kamen 9000 entsandte Ärzte und Pflegepersonal der „Medizinbrigaden“ auf die Insel zurück. 2018 hatte die Regierung in Havanna noch 6,3 Milliarden Dollar aus dem Experten-Export eingenommen. „Das war bei weitem die wichtigste Devisenquelle“, sagt Pavel Vidal, Ökonom an der katholischen Javeriana-Universität im kolumbianischen Cali. Neue Vertragsstaaten zu finden, sei schwierig. „Zum einen wegen der politischen Konnotation und zum anderen wegen der Notwendigkeit, dass dieser Staat auch etwas Wichtiges für Kuba liefern können muss, wie zum Beispiel Erdöl“, unterstreicht Vidal im Gespräch.

Droht eine neue "Spezialperiode"? 

Die Entwicklungen in der Landwirtschaft und dem Experten-Export belegen, wie es zu Beginn des Jahres 2020 auf Kuba aussieht. Es fehlt wieder an fast allem, mehr denn je an harter, konvertibler Währung, an Nahrungsmitteln, aber auch an Infrastruktur und dem Treibstoff für die Produktionsmittel. Es ist ein Teufelskreis. Weil es kein Geld gibt, kann kein Benzin oder Öl bezahlt werden. Daher kann auch nicht genügend im Land produziert werden, weshalb es wieder mehr Devisen braucht, um im Ausland Nahrungsmittel einzukaufen. 

Und so nähert sich Kuba immer mehr einer Zeit an, die man in der Führungsspitze der kommunistischen Partei längst überwunden glaubte. Die „Spezialperiode“, die Fidel Castro nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausrief, als das letzte kommunistische Eiland im kapitalistischen Meer zeitweise sogar vor dem wirtschaftlichen Untergang stand und nur mit harten Sparmaßnahmen und homöopathischen Dosen von Kapitalismus auf Kurs blieb. Seinerzeit brach die Wirtschaftskraft um 35 Prozent ein.

Eine Lehre von damals hat die Regierung gezogen. Havanna setzt auf mehrere Partner. Neben dem neuen „Bruderstaat“ Venezuela gehören Mexiko, Russland, Iran, China und Algerien zu den Alliierten. 

Aber dennoch ist die Krise bereits seit dem Sommer zurück. Stromrationierungen, Benzinknappheit vor allem auf dem Land, Kurzarbeit in den staatlichen Fabriken und das Fehlen bestimmter Güter gehören wieder zum Alltag. Speiseöl ist kaum bezahlbar, Toilettenpapier, Kondome und Kaffee sind auch gegen harte Währung kaum zu bekommen. 

Fehlendes Öl aus Venezuela, Trumps Blockade 

Besonders hart trifft die Insel der Quasi-Ausfall Venezuelas, das seit 2003 viele Jahre täglich 100.000 Fass Öl zu Vorzugskonditionen schickte. Mittlerweile sind es an guten Tagen noch 30.000 Fass. 2012 auf dem Höhepunkt der Kooperation belief sich der Handelsaustausch der Bruderstaaten auf 16 Milliarden Dollar, wie der in den USA lebende Ökonom Carmelo Mesa-Lago schreibt. 2017 war es nur noch die Hälfte, und seitdem ist der Wirtschaftsaustausch weiter eingebrochen. 

Zudem leidet der Tourismus darunter, dass die Vereinigten Staaten ihren Kreuzfahrtschiffen verbieten, Kuba anzulaufen, dass US-Fluglinien jetzt nur noch nach Havanna und in keine anderen Städte mehr fliegen dürfen und dass die Reiseerlaubnisse aus den Zeiten Barack Obamas unter seinem Nachfolger Donald Trump fast völlig kassiert wurden. Gerade hatte sich Kuba an die neuen, zahlungskräftigen Urlauber von nebenan gewöhnt, da bleiben sie auch schon wieder weg. 30 Prozent der rund 4,7 Millionen Touristen in Kuba waren 2017 US-Amerikaner. 

Dramatisch für das Land und vor allem die Bevölkerung sind die Restriktionen bei den Dollar-Überweisungen der Exilkubaner an ihre Familienangehörigen. Sie wurden gerade erst auf 1000 Dollar pro Quartal begrenzt. Überweisungen sind überhaupt aus den USA nach Kuba nur noch an Familienmitglieder gestattet. Dollar-Spenden ganz verboten. Finanzminister Steve Mnuchin machte deutlich, dass der kubanischen Regierung so der Zugang zu Devisen entzogen werden soll. Die Auslandsüberweisungen beliefen sich 2018 noch auch rund 3,5 Milliarden Dollar und waren damit die zweitwichtigste Devisenquelle der Insel.

Mehr Devisen durch "Intershops" 

Begegnen will die Regierung der Devisenknappheit unter anderem mit einer Art karibischen Intershops wie aus DDR-Zeiten. Ende Oktober wurden die ersten 13 dieser Dollar-Läden eröffnet, zwölf in Havanna, einer in Santiago de Cuba. Dort verkauft die Regierung vor allem elektronische Haushaltsgeräte und Autozubehör, aber auch Artikel des täglichen Bedarfs, die es sonst nirgendwo gibt. 

So macht der Staat seiner eigenen Bevölkerung Konkurrenz. Bisher flogen die Kubaner nach Panama oder Mexiko, kauften dort für den Eigenbedarf oder zum Weiterverkauf zum Beispiel Klimaanlagen ein. Die Dollarläden sind der Versuch, diese Devisen selber abzuschöpfen, die sonst das Land verließen. Laut der in Miami ansässigen Havana Consulting Group gehen dem Land so jährlich zwei Milliarden Dollar verloren. 

Für Ökonomen wie Pavel Vidal können die Dollar-Läden nur das Schlimmste verhindern. Langfristige Besserung verspräche nur eine Abkehr vom System der Staatsbetriebe, die weitgehend unrentabel arbeiten, sowie der weitere Ausbau des Tourismus. Carmelo Mesa-Lago fordert für die Landwirtschaft einen „Markt-Sozialismus“, der den Bauern völlig freie Hand lässt bei der Frage, was sie produzieren und an wen sie zu welchen Preisen verkaufen. 

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