|

Internationales Symposium in Tübingen: "Gegen die Anonymität"

Basisgemeinden sind Zusammenschlüsse von Christen,
die mit Freunden und Nachbarn ihren Glauben leben und damit in
vielen lateinamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Ländern
die katholische Kirche prägen. Vor dem Hintergrund von
Priestermangel und Strukturwandel der Kirchen wächst auch in
Deutschland das Interesse an diesen Entwürfen. Erstmals organisieren
die katholischen Hilfswerke missio und Adveniat mit der Universität
Tübingen eine Tagung zu Geschichte, Theologie und Formen solcher
Basisgemeinden. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur
(KNA) beschreibt der Mitveranstalter und Tübinger Theologe Albert
Biesinger am Dienstag die Ziele des Symposiums.

KNA: Herr Professor Biesinger, was will die Tagung mit mehr als 250
Teilnehmern aus vier Kontinenten erreichen?

Biesinger: Zunächst geht es um eine wissenschaftliche
Bestandsaufnahme der Situation weltweit. Wie und mit welchen
Schwerpunkten gibt es derzeit solche Formen von Basisgemeinden. Der
nächste Schritt ist eine Provokation zum gegenseitigen Lernen: Was
können wir etwa von sozial engagierten Gemeinden in Lateinamerika
oder Afrika lernen, die in Eigenverantwortung Gottesdienste feiern
und ihren Glauben mit dem solidarischen Eintreten für Benachteiligte
verbinden?

KNA: Gäbe es denn in Deutschland genügend Christen, die sich für
solche neuen Formen eines selbstorganisierten Gemeindelebens in
ihrem direkten Umfeld begeistern könnten?

Biesinger: Die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht in der
Frage des Umgangs mit Missbrauchsfällen, Sexualmoral oder der
Haltung zum Papst. Sondern darin, ob der christliche Glaube im
eigenen Leben, im ganz konkreten Alltag als etwas persönlich
Bereicherndes erfahren werden kann. Hier brauchen wir neue Angebote,
etwa für Familien und Kinder. Ich denke an Segnungsfeiern für
Schwangere. Oder es braucht christliche Gruppen, in denen sich
psychisch Kranke zusammenfinden oder Nachbarschaftskreise, die aus
ihrem Glauben heraus Pflegebedürftigen oder Sterbenskranken helfen.
Das verstehe ich unter Basisgemeinden.

KNA: Historisch entstanden die Basisgemeinden nach dem Zweiten
Vatikanischen Konzil im Zusammenhang mit der Befreiungstheologie,
dem christlichen Einsatz für Arme in Lateinamerika. Die
Kirchenhierarchie und der Vatikan warnten vor einer Politisierung
des Christentums. Hat sich diese kritische Haltung heute verändert?

Biesinger: Mit Sicherheit. Basisgemeinden sind heute nicht mehr von
der kirchlichen Hierarchie oder dem Kirchenrecht losgelöste
Einheiten, sondern sind mit der Ortskirche verbunden. Es sind
Substrukturen von oft riesigen Pfarreien mit wenigen Pfarrern, wo
die Menschen sich an der Basis als Kirche vor Ort verstehen und
Glauben gestalten wollen. Ausgelöst durch den Priestermangel in
Deutschland und als Folge der Säkularisierungsprozesse wächst nun
auch in Deutschland das Interesse an entsprechenden Initiativen.
Hier will unsere Tagung Anstoß zu neuen Wegen des christlichen
Lebens in Deutschland geben.

KNA: Dennoch gehen die Zahlen von katholischen und evangelischen
Christen dramatisch zurück. In einer Stadt wie Stuttgart ist nur
noch jedes zehnte Kind unter drei Jahren katholisch getauft. Gäbe es
überhaupt noch potenzielle Träger von Basisgemeinden?

Biesinger: Leider haben sich viele unserer Kirchengemeinden so
entwickelt, dass sie keinen Raum mehr bieten für junge Familien und
Kinder. Aber da will ich mich nicht mit der kulturpessimistischen
Sicht zufrieden geben, wonach sich die 'bösen säkularen Menschen'
schlicht nicht mehr auf religiöse Sinnsuche machten. Nein, wir
müssen selbstkritisch schauen, warum wir nicht einladend genug sind.
Wie können wir vor Ort die Wärme und die Sinn stiftende Kraft des
christlichen Glaubens erfahrbar machen?

Hier könnten Erfahrungen aus den weltweit aktiven Basisgemeinden
wichtige Impulse geben, damit auch in Deutschland kleine christliche
Gemeinden als Wärmestuben entstehen. Ich meine Orte, in denen jede
und jeder Getaufte ihre und seine Charismen und Fähigkeiten
wahrnimmt, um sich diakonisch gegenseitig zu stützen. Nur so können
wir der aktuellen Anonymitätsbewegung der Großgemeinden etwas
entgegensetzen.


Weitere Informationen zum Internationalen Symposium „In der Welt von heute? Kirche unterwegs in christlichen Basisgemeinden“ finden Sie hier.