El Salvador |

Inmitten des Todes ist Romero lebendig

Er wacht über sein El Salvador: Der heilige Oscar Romero. (Foto: Presidencia El Salvador, Flickr, CC0 1.0)

Ich nenne diesen jungen Mann Óscar. Er kommt aus einem der Armenviertel, in denen es unendlich viele pandilleros (Bandenmitglieder) gibt: alte und neue pandilleros, ebenso Familien von pandilleros und Kinder, die Banden angehören. Bandenmitglieder über Bandenmitglieder, die das Gesicht der Armut tragen. Óscar hat die typischen Eigenschaften eines pandillero: Er ist schlank, blickt seinem Gegenüber fest in die Augen oder wendet seinen Blick ab, er ist traurig oder wütend, manchmal hat er eine Tätowierung, manchmal auch nicht. Er macht gerne Selfies und stellt seine Männlichkeit zur Schau. Seine Würde ist ihm wichtig; er hütet sie wie seinen einzigen Schatz, diesen einzigen Schatz, den die armen Jugendlichen haben, die nicht dem Stereotyp eines erfolgreichen Menschen entsprechen. Dieser junge Mann ist an allem schuld, an der Gewalt, den Maras, dem weiterhin schwelenden Bürgerkrieg und an einem Land, das immer noch am Boden liegt und seinem Schicksal ausgeliefert ist.

In El Salvador kennt jeder eine Familie, die unter Trauer, dem Verschwinden von Angehörigen und den Wunden der Vergangenheit und der Gegenwart leidet. Frauen, die das Verschwinden ihres Ehemannes im vergangenen Bürgerkrieg und das Verschwinden des Sohnes im bewaffneten Konflikt von heute verkraften müssen. Diese Jugendlichen, diese Männer, die verschwinden, die umkommen und ständig Gefahren ausgesetzt sind, gehören auch in der heutigen Zeit zu den Menschen, die in extrem arme Verhältnissen hineingeboren werden und darin leben müssen und aufgrund dieser Umstände ausgegrenzt sind. Die Probleme, die zum bewaffnetem Kampf der Bürgerbewegungen geführt haben, sind auch heute noch nicht gelöst, sondern bestehen weiter in einem Land, das von Gewalt geprägt ist, das aber nicht mehr weiß, wer der Feind ist und das vor allem auch nicht erkennt, dass wir alle der Feind waren.

Es ist leicht, über El Salvador Informationen zu den Opferzahlen, über Banden, Angst und Vorurteile zu bekommen. Im Ausland hat sich folgendes Bild verfestigt: Der typische El Salvadorianer ist ein tätowierter pandillero mit unglaublich viel Wut im Bauch. Das war schon immer das Bild, das man von unserem Land hatte. Aber die wenigsten schauen hinter die Kulissen und sehen die Ausgrenzung, Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt, die unsere konservativen Familien und korrupten Regierungen verbergen. Es ist einfach, die 3.962 Morde pro Jahr in El Salvador zu zählen, aber umso schwerer, die Komplexität der täglichen Gewalt und die Dynamik in den Institutionen zu verstehen, die erneut von Autoritarismus, gewaltsamem Verschwinden,  außergerichtlichen Hinrichtungen und Folter geprägt sind, dieses Mal unter dem Vorwand, dass der Feind die Banden sind. Dies sind auch weiterhin eine Herausforderung und ein Problem, das nicht nur institutioneller, sondern vor allem auch gesellschaftlicher Art ist, das die Menschen in den ausgegrenzten Stadtvierteln betrifft, die ihre Realität intensiver und besser analysieren müssen.

Allein in den letzten elf Jahren sind in El Salvador mehr als 62.000 Menschen zu Tode gekommen, die meisten in einem Umfeld, das von Armut und Ausgrenzung geprägt ist. Der Tod klopft in El Salvador auch weiterhin vor allem an die Türen der ärmsten und am stärksten ausgegrenzten Menschen. Mindestens 90% der Täter gehen jedoch straffrei aus. In den letzten vier Jahren sind mehr als 1.610 Personen in Zusammenstößen zwischen der Polizei, dem Militär und mutmaßlichen kriminellen Vereinigungen ums Leben gekommen, 1.554 der Todesopfer waren Zivilisten und 56 Polizisten oder Soldaten. Das gesetzwidrige Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte ist heute erneut ein Problem. Obwohl die Hintergründe des aktuellen Krieges andere sind, hat dieser Konflikt ähnliche Auswirkungen wie in der Vergangenheit, die wir für überwunden hielten.

Doch Romero ist auch heute in diesen jungen Menschen präsent, die inmitten des Todes leben und auch inmitten von Hartherzigkeit und Aussichtslosigkeit, die durch eine solch brutale und grausame Gewalt hervorgerufen werden. Da gibt es diesen Óscar, diesen jungen Mann aus dem Armenviertel, der unter Dauerverdacht steht, der nicht nur die Hoffnung auf Veränderung in sich trägt, sondern sich auch der Tatsache bewusst ist, dass das Erbe des Kampfes in El Salvador bleiben wird und dass angesichts solch großer Ungerechtigkeit die Kraft des Volkes weiter bestehen wird, ein Volk, das einen Menschen wie Romero hervorgebracht hat und mit der Kraft eines Mannes atmet, der sich durch seine Klarheit und seinen Kampf gegen die Ungerechtigkeit auszeichnete.

38 Jahre nach dem Tod von Romero muss unser Land die Herausforderung annehmen, die durch das Vorbild dieser herausragenden Persönlichkeit auf unseren Schultern lastet. Es ist ein ethisches und moralisches Erbe, das über Religion und Glaubensgrundsätze hinausgeht. Das Leben Romeros ist in unserem Land noch lebendig, vor allem, weil Ungerechtigkeit, Angst, Leid und Schrecken in unserem täglichen Leben weiterhin präsent sind. Angesichts solch großer Hoffnungslosigkeit verkörpert Óscar Romero auch weiterhin Hoffnung und den Kampf gegen Gewalt und Ungerechtigkeit. Das Antlitz eben dieses jungen Óscar aus dem Armenviertel, der immer noch Hoffnung in sich trägt.

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