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Indigenen-Missionsrat appelliert an UNO

Der Indigenen-Missionsrat der katholischen Kirche in Brasilien (Cimi) hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten: Die UNO solle Brasiliens Regierung bewegen, gegen die schweren Menschenrechtsverletzungen einzuschreiten, deren Opfer häufig Indigene sind. Zwei konkrete Anlässe führten zu dem Schritt: die massive Gewalt im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, die im Zeitraum von 2003 bis 2010 unter den Guarani-Kaiowá 250 Todesopfer gefordert hat. Zum anderen starben im Vale do Javari im Bundesstaat Amazonas in den vergangenen zehn Jahren 300 Indigene an verschiedenen Arten von Hepatitis.

Nichtregierungs-Organisationen mit am Tisch

Cimi trug die Beschwerden am 3. April anlässlich eines Treffens mit der UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos vor. Die Begegnung fand im Itamarati-Palast in Rio de Janeiro – ehemaliger Sitz des brasilianischen Außenministeriums – statt. Es nahmen auch Vertreter mehrerer Nichtregierungs-Organisationen teil, unter anderem von Ärzte ohne Grenzen.

Dramatische Verschlechterung in den letzten zehn Jahren

Cimi-Rechtsberater Adelar Cupsinski erklärte, die Lage der indigenen Völker in Brasilien sei dramatisch und habe sich in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert. Dies lasse sich mit zahlreichen Fakten belegen. Die brasilianische Verfassung von 1988 werde fast ein Vierteljahrhundert später noch immer nicht eingehalten, und dies betreffe keineswegs nur die Rechte Indigener. Ein großes Problem stelle die Verschleppung des Demarkierungsprozesses indigener Gebiete dar. Aktuell sei lediglich ein Drittel der 1.046 Gebiete demarkiert. Damit nicht genug: Der Kongress in Brasília erwäge Maßnahmen, welche die erreichten historischen Fortschritte sogar rückgängig machen könnten.

Staat kommt seinen Pflichten nicht nach

Adelar Cupsinski wies die UN-Nothilfekoordinatorin darauf hin, dass die Lage in Mato Grosso do Sul besonders Besorgnis erregend sei. Hier lebe die mit 70.000 Angehörigen zweitgrößte indigene Population Brasiliens. Nirgends sonst verlaufe die Demarkierung schlechter, bei den Menschenrechtsverletzungen liege der Bundesstaat an der Spitze. Es bestehe ein enger Zusammenhang mit dem Umstand, dass sich der Staat aus dem Geschehen zurückhalte und die Bestimmungen von Artikel 231 der brasilianischen Verfassung nicht durchsetze.

Schattenseiten des brasilianischen Entwicklungsmodells

Valerie Amos betonte, der UNO komme nicht die Rolle zu, die Regierungen zu ersetzen, sondern Antworten auf humanitäre Probleme zu finden. Sie werde das von Cimi überreichte Dossier aber auch anderen UNO-Instanzen zukommen lassen. Die Gespräche behandelten weitere Fragen neben der indigenen. Indes legten die Vertreter der Nichtregierungsorganisationen Wert auf die Notwendigkeit, grundsätzlich über das brasilianische Entwicklungsmodell zu sprechen. Dies sei umso dringlicher, als es in zunehmendem Maße in andere lateinamerikanische Länder exportiert werde. (bs)