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Immer mehr Mädchen führen Banden an

Die Zeiten, in denen sich brasilianische Jugendbanden nur von männlichen Mitgliedern führen ließen, sind vorbei. Immer mehr Gangs der städtischen Elendsviertel stehen mittlerweile unter weiblichem Kommando, wie eine neue Studie zweier Nichtregierungsorganisationen belegt.

Noch vor zehn Jahren hätten junge Frauen in den Banden nur eine untergeordnete Rolle gespielt, erklärte Miriam Abramovay, die sich im Auftrag der Weltkulturorganisation UNESCO mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Inzwischen seien sie jedoch längst nicht mehr nur die Freundinnen der Bosse, sondern tonangebend, sagte die Wissenschaftlerin im Gespräch mit IPS.

Die von Abramovay koordinierte Studie wurde von dem nichtstaatlichen Netzwerk für lateinamerikanische Informationstechnologie und der Organisation CUFA durchgeführt, die sich für die Bewohner der ´Favelas´, wie die Elendsviertel in Brasilien genannt werden, einsetzt. Unterstützung erhielten sie von der brasilianischen Menschenrechtsbehörde.

Auf reine Frauenbanden stieß das Forschungsteam zwar nicht. In 13 untersuchten Gangs in der Hauptstadt Brasilia sei die stärkere weibliche Präsenz aber deutlich geworden. Innerhalb der Banden gebe es zudem eigene Mädchengruppen. Die Frauen begnügten sich nicht mehr damit, sich um "ihre Männer zu kümmern und ihre Waffen zu laden", sagte Abramovay. Sie nähmen aktiv an Gemeinschaftsaktionen teil, etwa um ihr Territorium abzustecken.

Die Beteiligung von Frauen an Bandenkriminalität war auch Thema einer internationalen Konferenz in New York über kleine und leichte Waffen, die in der dritten Juniwoche am Sitz der Vereinten Nationen in New York stattfand.

Streben nach Macht und Prestige

Laut der Studie haben Frauen und Männer ähnliche Motive, sich Banden anzuschließen. Sie suchten vor allem Prestige, Anerkennung und Identifikationsmuster, hieß es. Allerdings setzten weibliche und männliche Bandenmitglieder bei ihren Gesprächsthemen unterschiedliche Prioritäten, betonte Abramovay. Während die Männer sich am liebsten über Kämpfe mit anderen Jungendgangs und Racheakte redeten, gehe es den Frauen eher um Fragen wie Respekt innerhalb der Gruppe und wer als Freund in Frage komme.

Nach Ansicht von Abramovay zeigen die Entwicklungen der vergangenen Jahre, dass auch die "Kultur der Gewalt" ein weibliches Antlitz angenommen hat. Auch bei jungen Frauen zeichne sich der Wunsch ab, Macht zu zeigen.

Zwischen den brasilianischen Gangs und Banden in anderen lateinamerikanischen Ländern bestehen der Untersuchung zufolge erhebliche Unterschiede. In Brasilien werden aus den Jugendbanden nicht automatisch kriminelle Vereinigungen, auch wenn einzelne Mitglieder mit Drogen handelten oder Raubüberfälle verübten, hieß es.

Ihre Territorien markieren die Gangs der Untersuchung zufolge nicht nur im realen Alltag, sondern auch in der virtuellen Welt. Im Internet könne man sogar Bandenkriege führen und die anderen durch Fotos provozieren.

Um diese Jugendlichen besser in die Gesellschaft zu integrieren, müsse der Staat ihnen die Möglichkeit geben, sich kulturell und sportlich zu betätigen und ihre Talente zu zeigen, meinte der CUFA‐Koordinator für Brasilien, Max Maciel. Die Jugendlichen versuchten sich innerhalb der Banden hervorzutun, da ihnen in der Gesellschaft keine anderen Freiräume gegeben würden, sagte Maciel.

Die Jugendlichen müssten "ein Recht auf Adrenalin ohne Lebensgefahr" erhalten, forderte er. Alle staatlichen und privaten Strategien, die in diese Richtung zielten, seien empfehlenswert. Man müsse den jungen Leuten das nötige Rüstzeug vermitteln, durch das sie sich später in den Arbeitsmarkt integrieren könnten.

Autorin: Fabiana Frayssinet, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, in: IPS Weltblick