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Immer mehr Energieprojekte auf Mapuche-Land

Die Kordilleren der Region Araucanía verwandeln sich zunehmend in ein bevorzugtes Experimentierfeld für neue Strategien der Energiegewinnung. Gebaut werden vor allem kleinere Wasserkraftwerke, die im Unterschied zu den Mega-Staudämmen nicht auf ihre Umweltauswirkungen geprüft werden und daher still und heimlich in Betrieb gehen. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Verlauf der Wasserquellen und die lokale Wirtschaft. In jüngerer Vergangenheit sind mehr als zehn solcher Wasserkraftwerke neu gebaut worden.

Chiles Stromverbrauch in zehn Jahren fast verdoppelt

Während auf die Bewohner von Araucanía nur 20 Prozent des Stromverbrauchs entfallen, verschlingt die energieintensive Zellulose-Produktion mehr als 40 Prozent des Verbrauchs. Was Chile insgesamt betrifft, so ist der Stromverbrauch Schätzungen zufolge im letzten Jahrzehnt um circa 90 Prozent gestiegen, wofür vor allem der Ausbau der Bergbauindustrie im Norden Chiles verantwortlich ist.

Unternehmen reißen sich Wasserrechte unter den Nagel

In Araucanía argumentieren Befürworter der Projekte mit Arbeitsplätzen. Diese entstehen allerdings überwiegend in der Bauphase – für den späteren Betrieb werden vergleichsweise wenig Beschäftigte benötigt. Die Auswirkungen auf die Umwelt machen sich vor allem im Sommer bemerkbar, wenn die Region unter Trockenheit leidet. Ein hausgemachtes Problem, das sich unter anderem auch auf die gescheiterte Forstwirtschaft zurückführen lässt. Insbesondere für die Landwirte hat sich der Wassermangel zu einem großen Problem entwickelt. Empörung löst bei der lokalen Bevölkerung auch die Aneignung von Wasserrechten durch Unternehmen aus, denn Wasser stellt ein wichtiges Gemeingut dar. Obwohl die Einheimischen selbst Entscheidungsträger sein müssten, wurden sie bisher nicht einbezogen.

Seen und Flüsse verlieren ihren Erholungswert

Keines dieser Projekte verbessert die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung, nicht einmal der Strom verbilligt sich. Flüsse und Seen, die große Bedeutung für den Tourismus haben, verlieren ihren Erholungswert. Ganz zu schweigen von der kulturellen und spirituellen Dimension, die das Wasser in der indigenen Tradition innehat. Es ist offensichtlich, dass viele Vertreter des chilenischen Staates im Sinne der Unternehmer handeln und nicht ihrer Aufgabe nachkommen, für die Rechte, Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung einzutreten. Unter dem Vorwand der „Nachhaltigkeit“ gibt der Staat grünes Licht für neue Mini-Wasserkraftwerke, zudem werden riesige Flächen für geothermische Erkundungen freigegeben.

Internationale Abkommen werden verletzt

Die Politik missachtet systematisch das Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das die Konsultierung indigener Völker bei Projekten garantiert und von Chile ratifiziert wurde. In Artikel 7 heißt es, dass die indigenen Völker das Recht haben, über weg- und richtungsweisende Entwicklungen zu entscheiden, wenn ihr Leben, ihr Glauben, ihre Institutionen, ihr spirituelles Wohl oder ihr Land betroffen sind. In diesem Sinne und noch umfassender äußert sich die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker und nicht zuletzt die internationalen Menschenrechtsabkommen, welche sich auf die freie Selbstbestimmung beziehen.

Quelle: adital, Autor: Alfredo Seguel, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel

Fluss Truful Truful in der Region Araucanía. Foto: flickr/°Yanina°