Chile |

Im Zeltlager der Hoffnung

Manchmal will Jessica Cortez einfach nur noch alleine sein. Mühsam klettert die schwangere Frau den Hügel hoch von dem sie die beste Aussicht über das "Quartier der Hoffnung" hat. Zusammen mit Freunden und der Familie ihres verschütteten Mannes hat sie die Buchstaben des Namens von Victor Zamora mit Steinen auf den Boden gelegt, so dass man ihn auch aus der Ferne lesen kann. "Ich frage mich manchmal, was passiert, wenn er nicht mehr zurückkommt", sagt die junge Frau und kämpft mit den Tränen. Die Ungewissheit sagt die Chilenin, sei das Schlimmste. Victor Zamora ist einer von den 33 in der Gold- und Kupfermine San Jose in der chilenischen Atacama-Wüste eingeschlossenen Männer.

Enger Zusammenhalt

Seit dem 5. August trennen die Kumpel rund 700 Meter von der Freiheit, vom Tageslicht, von ihren Familien und von der Hoffnung dem Tod noch einmal von der Schippe zu springen. Über wie unter der Erde bangen die Menschen nun gemeinsam. "Der Zusammenhalt unter den Familien ist enorm. Ich bin glücklich, dass alle so eng zusammen stehen", sagt Margarita Roco, Mutter eines der eingeschlossenen Bergmänner.

Ablenkung mit Clown "Rolly"

Die Tage ähneln sich: Die Familien essen, betten und hoffen gemeinsam. Nur manchmal macht die Routine eine Pause. Clown „Rolly“ hilft dabei, die Zeit totzuschlagen. Er macht Späße für die Kinder, doch im Blick hat er eine ganz andere Zielgruppe" Wenn die Kinder kommen, dann bringen sie die Mütter, Tanten und Großmütter gleich mit", sagt er. Es ist eine Herausforderung, die Angehörigen für einen Moment in eine andere Welt zu entführen. "Das ist wie ein Augenblick Urlaub von der Angst", sagt der Clown und verteilt kleine Windräder an die wartenden Familien. Für jede Familie der 33 Männer hat er ein Geschenk parat, niemand soll leer ausgehen, niemand soll vergessen werden.

Fotos und Spruchbänder

Ein klein bisschen sieht es aus wie bei einem Ski-Weltcup oder der Tour de France, wo die Fans Stände mit Devotionalien ihrer Sportler aufgestellt haben. Überlebensgroße Fotos von den Männern kennzeichnen welche Familie wo ihr Lager aufgestellt hat. Spruchbänder sollen Mut machen: "Victor Zamora und Carlos Barrios - Wir erwarten Euch - Eure Freunde und Familien".

Videokonferenzen gegen Einsamkeit

Der Plan, die Männer aus der Tiefe zu befreien, basiert im wesentlich auf dem gleichen Konzept. Drei mächtige Bohrer fressen derzeit einen Rettungsschacht in die Tiefe, pünktlich zum Unabhängigkeitsfest "Bicentenario" erreichte der erste Bohrer die Höhle, in der sich die Männer aufhalten. Unter Tage haben sie ausreichend Platz. Weil aber in den Videos, die aus der sogenannten "Werkstatt" unter Tage um die Welt gehen, die Kumpel immer dicht gedrängt zusammen stehen, entsteht der Eindruck, sie müssten auf engstem Raum leben. Doch ihr Rückzugsrefugium ist bis zu zwei Kilometer lang. In der Zwischenzeit haben sie eigene Waschräume gebaut. Eine Fieberglasleitung bildet die technische Schlagader zur Außenwelt. Videokonferenzen mit den Familien helfen gegen die Einsamkeit. Ein Pfarrer hat 33 Mini-Bibeln in die Tiefe geschickt.

Ausharren bis November

Noch bis November müssen die Männer ausharren. Dann soll der erste Rettungsschacht die notwendige Breite von 70 Zentimetern erreicht haben. Den von oben herab fallenden Schutt müssen die Kumpel unter Tage selbst wegräumen. Ist alles fertig, müssen die Männer in eine noch einmal vier Zentimeter schmalere Rettungskapsel einsteigen, die sie mehrere hundert Meter in einem hautengen Fahrstuhl nach oben katapultieren wird. Die Familie verfolgen all dies angespannt und mit großer Sorge. „Wir sind allen Menschen dankbar, die mithelfen“, sagt Margarita Roco. „Aber nur Gott weiß, ob das zu einem guten Ende führt.“

Autor: Tobias Käufer