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Im Würgegriff der Crack-Droge 

Man habe dem Drogenhandel der Stadt das Herz herausgerissen, jubelten Politiker, Polizei und Bürger Ende November, nachdem Elitetruppen den Favelakomplex "Complexo do Alemao" im Norden von Rio de Janeiro gestürmt hatten. Der aus 14 Favela-Slums bestehende Komplex galt über Jahrzehnte als das Hauptquartier des "Comando Vermelho", dem "Roten Kommando", Rios einflussreichster Drogenbande. Doch kaum war der Jubel verflogen, schockierte eine Studie die Nation. Diese brachte ans Tageslicht, dass in nahezu allen brasilianischen Städten die Droge Crack verbreitet ist.

Landesweite Verbreitung

In den vergangenen Jahren hat sich die Droge rasend schnell über das ganze Land ausgebreitet. Dabei sind nicht nur die Metropolen wie Sao Paulo, Rio de Janeiro, Salvador und Recife betroffen. "Das Problem hat bereits eine nationale Dimension erreicht," sagt Paulo Ziulkoski, Präsident des Nationalen Städte- und Gemeindebundes. "Es betrifft nicht mehr bloß die großen Städte, sondern hat die ländlichen Regionen erreicht."

Der Städtebund hatte 3.950 der insgesamt 5.565 Munizipien - Städte und Gemeinden - des Landes in Augenschein genommen und war dabei zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: in 3.871 Munizipien hat Crack bereits Einzug gehalten, was 98 Prozent der untersuchten Munizipien entspricht.

Extrem schnelle Abhängigkeit

Crack, ein Gemisch aus Kokain und Natron, führt extrem schnell zur Abhängigkeit. Zwar versetzt die Droge den Konsumenten während einer relativ kurzen Zeit von zehn bis zwanzig Minuten in einen euphorische Zustand. Die Schäden für Körper und Gehirn des Konsumenten sind jedoch um ein Vielfaches größer als bei anderen Drogen. Auf den Straßen Brasiliens ist eine Dosis der Droge für ein bis zwei Reais zu kaufen (0,40 bis 0,80 Euro), was dazu geführt hat, dass sich Crack besonders in den armen Gesellschaftsschichten rasant ausgebreitet hat. Viele Obdachlose seien von Alkohol auf Crack umgestiegen, berichtet die Polizei in Rio de Janeiro. Im Stadtzentrum der Acht-Millionen-Metropole konsumieren hunderte Straßenkinder die Droge auf offener Straße.

Einfuhren über Kolumbien, Bolivien und Peru

Zwar haben die Aktionen der Polizei gegen den "Complexo do Alemao" kurzfristig das "Comando Vermelho" geschwächt. Hunderte Tonnen von Kokain, Marihuana und Crack wurden beschlagnahmt und vernichtet. Doch mit solchen lokal begrenzten Aktionen ist dem Problem nicht mehr beizukommen. Tonnenweise kommt Kokain und Crack über die Grenzen zu Kolumbien, Bolivien und Peru nach Brasilien, wo sie dann über das ganze Land verteilt werden. Rio de Janeiro ist einer von vielen Endpunkten des fein verästelten Systems, mehr nicht. Schon lange fordern Politiker eine verschärfte Kontrolle der Grenzen; eine in dem riesigen und zumeist unzugänglichen Gebiet schier aussichtslose Aufgabe.

„Keine politische Antwort auf Crack“

"Brasilien hat keine politische Antwort auf Crack, weder auf der Ebene des Bundes, der Länder oder Gemeinden," so Ziulkoski. Das Land habe viel Geld in die Senkung der Kindersterblichkeit investiert, dabei aber die sterbenden Jugendlichen vergessen. "Wir retten unsere Neugeborenen, um sie dann in ihrer Jugend sterben zu lassen." Crack habe mittlerweile das Ausmaß einer "nationalen Epidemie" erreicht, ohne dass die Politik entsprechend reagiert habe.

Kaum Einrichtungen für Süchtige

Im Mai diesen Jahres hatte die Regierung zwar ein Projekt zum Kampf gegen Crack und andere Drogen vorgestellt. Bisher hätten jedoch gerade einmal knapp drei % aller Munizipien Fördergelder aus dem Programm beantragt, so Ziulkoski. Die Städte und Gemeinden sind auf den Einfall der Drogen kaum vorbereitet. Nur 15% der Munizipien verfügen über Einrichtungen zur Behandlung von Crack-Süchtigen, während nur 8,5% ein Programm zur Bekämpfung von Drogen ins Leben gerufen haben.

Besonders Kleinstädte stünden dem steigenden Drogenkonsum oft vollkommen hilflos gegenüber, so der Städtebund. Er schätzt, dass in den nächsten Jahren gut 300,000 Jugendliche an den Folgen des Crackkonsums sterben werden. Es scheint, dass der Drogenhandel eher Brasilien das Herz herausreißen wird, als umgekehrt.

Autor: Thomas Milz