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"Im Norden ist die Pressefreiheit längst gestorben"

Puebla. Die Reporter waren unterwegs zum Gefängnis von Gomez Palacio. Der Knast im nordemexikanischen Bundesstaat Durango war von der mexikanischen Regierung interveniert, die Direktorin festgenommen, und die Häftlinge rebellierten, weil ihre Privilegien beschnitten wurden. Bis vorige Woche konnten einige Gefangene dort nach Gutdünken ein- und ausspazierten und mit der Ausrüstung ihrer Wächter im Auftrag eines Drogenkartells morden. Das Ganze mit Billigung der Gefängnisleitung, der örtlichen Polizei und der Justiz. Ein Wespennest. Die Reporter aus Mexiko-Stadt wussten, worauf sie sich einließen. Für den Norden Mexikos gelten besondere Regeln der Berichterstattung: brenzlige Geschichten werden nur noch von Sonderberichterstattern übernommen, die für einige Tage aus der Hauptstadt einfliegen. Sie sind immer in Gruppen unterwegs, nur bei Tageslicht. Doch all die Vorsichtsmaßnahmen halfen ihnen nichts.
Mexikos mächtigster Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán, hatte sie im Visier. Ein schwer bewaffnetes Kommando lauerte den vier Journalisten auf, verbrannte ihre zwei Autos und die Kameras und verschleppte sie am hellichten Tag. An ihre Medien – den TV-Giganten Televisa und der Nachrichtensender Milenio – erging die Aufforderung, Videos des Kartells auszustrahlen, wenn sie ihre Reporter lebendig wieder sehen wollten. Keine leere Drohung: in Mexiko sind laut Reporter ohne Grenzen in den vergangenen vier Jahren 30 Journalisten ums Leben gekommen. Elf verschwanden spurlos. Nur wenige Fälle wurden aufgeklärt.
An dem Abend nach der Entführung blieb der Bildschirm der Televisa-Reportagesendung „Punto de Partida“ schwarz. Präsentatorin Denise Maerker erklärte, die Arbeitsbedingungen für Journalisten hätten sich extrem verschlechtert, sie sei unter diesen Umständen nicht in der Lage, ihr Programm auszustrahlen. Einer der Reporter des Programms war unter den Verschleppten. Und auch der Nachrichtensprecher von Milenio-TV übergab das Mikrophon unter Protest und einem eindringlichen Appell an die Regierung, die Pressefreiheit zu garantieren, an einen Kollegen. Für den Chefredakteur der Zeitung Excelsior, Pascal Beltrán, ist damit ein dramatischer Höhepunkt der Einflußnahme der Drogenkartelle auf die Medien erreicht. „Bisher wurden kritische Journalisten bedroht und ermordet, Bombenattentate auf Redaktionen verübt und extreme Gewalt als Vehikel benutzt, um die Medien zu Berichterstattung zu zwingen“, zählt Beltrán auf.
Straßenblockaden, Transparente mit Botschaften der Kartelle, Geköpfte an Strandpromenaden, Gemetzel bei Festen und in Entzugsanstalten, gefilmte Hinrichtungen im Internet – die Kartelle übertrafen sich gegenseitig in einem morbiden Kampf um medienwirksamere Gewalt, um damit die Gesellschaft, den Staat und gegnerische Kartelle einzuschüchtern. „Doch die Entführung von Journalisten, um die landesweite Ausstrahlung von Botschaften der Drogenkartelle zu erzwingen, ist eine Eskalation, die uns alle extrem verwundbar macht“, so Beltrán. In den Videos ging es um die Verbindungen zwischen ranghohen Funktionären in Durango mit dem Kartell der Zetas, dem Hauptfeind des „Chapo“ Guzmán.
Bisher waren es vor allem die Lokaljournalisten im Norden Mexikos, wo der Drogenkrieg besonders heftig tobt, die im Visier der Kartelle standen. „Dort ist die Pressefreiheit schon lange gestorben“, sagt Pablo Beauregard, ein Reporter von „Punta de Partida“. Dort zeichnet schon lange kein Reporter mehr seine Geschichten mit Namen, zu den Tatorten von Verbrechen kommen die Kollegen alle gemeinsam und erst, nachdem die Polizei das Gelände abgesperrt hat. Viele vermummen sich die Gesichter, damit sie nicht von Spitzeln der Kartelle erkannt werden. Selbstzensur ist gang und gäbe. „Wer mehr publiziert, als die amtlichen Erklärungen, spielt mit seinem Leben, so wie mein KollegeValentín Valdés aus Saltillo, der selbst Recherchen zu einem Mordfall anstellte und nach Veröffentlichung seines Artikels ermordet wurde.“ Als Beauregard den Fall recherchierte, stieß er auf eine Mauer des Schweigens. Nicht einmal die Familie des Ermordeten wollte ihm Auskunft geben. Zu groß war die Angst, Opfer der allmächtigen Kartelle zu werden. Den Journalisten aus Mexiko-Stadt wurde ausgerichtet, sie mögen den Ort lieber schnell verlassen.
„Die Kartelle haben verstanden, sich die Medien zunutze zu machen, nicht nur unter Gewaltandrohung, sondern auch unter Ausnutzung der Sensationsgier“, so Beltrán, in dessen Zeitung Fotos von Hingerichteten nicht mehr veröffentlicht werden. Doch viele andere Medien versuchen sich weiterhin, mit den blutrünstigsten Geschichten gegenseitig zu übertrumpfen. Ethische Richtlinien, ein landesweiter Codex oder gar ein Presse-Kontrollrat existiert nicht. Präsident Felipe Calderón hat sich mehrfach beschwert über die sensationslüsterne Berichterstattung. Doch ein Eingriff der Regierung wäre die schlechteste Lösung, meint der Medienexperte und ehemalige Präsidentschaftssprecher, Rubén Aguilar. „Die Medien selbst müssen ihre Berichterstattung hinterfragen und Kontrollen einrichten.“ Doch Aguilar ist skeptisch, ob es dazu kommt. „Die Medienkonzerne verfolgen ihre eigenen Interessen, wirtschaftlicher und auch politischer Art. Ethische oder gesellschaftliche Prioritäten bleiben dabei außen vor.“
Auch der Staat versagt kläglich. Der Rechtsstaat und die Demokratie in Mexiko sind nicht nur durch die Kartelle bedroht, sondern auch durch marode Institutionen, in denen Einzelinteressen über das Gemeinwohl gestellt werden. Rocio Culebro vom Institut für Menschenrechte kritisiert, die Justiz sei korrupt und von parteipolitischen Interessen durchsetzt.“Die Strafreiheit und die Passivität der Behörden nutzt denjenigen, die verhindern wollen, dass die Gesellschaft informiert wird”, so die Stiftung für die Pressefreiheit. Die Reporter, die für den 7. August zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt aufgerufen haben, bleiben derweil das schwächste Glied in der Kette. Dennoch wollen sie sich nicht einschüchtern lassen. Die Entführten von Gomez Palacio, die am Wochenende nach sechs Tagen Geiselhaft von der Bundespolizei befreit wurden, sind dafür ein eindrückliches Beispiel. Sie wurden geschlagen, bedroht, gefesselt und mit verbundenen Augen eingesperrt. Auf die Frage, was er denn nun weiter vorhabe, antwortete der Kameramann Javier Canales von Milenio TV nur lakonisch. „Weitermachen, mit der Kamera auf der Schulter, was sonst?“

Von Sandra Weiss