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Im Jenseits aller Menschenwürde

Irgendwann bricht Cicera doch in Tränen aus. "Ich weiß nicht, wo er heute ist." Ihr Sohn - sie musste ihn damals weggeben. Zusammen hätten sie erst recht keine Chance gehabt. "Ich bin mein ganzes Leben lang Prostituierte gewesen", sagt Cicera leise. Und ihre Mutter war es auch. "Mit acht Jahren haben sie mich vergewaltigt, seit damals hatte ich diesen Zorn in mir. Mit zwölf wurde ich eine Professionelle." Jetzt ist sie 51 und schwer krank. Verbraucht am Straßenstrich von Vila Mimosa in Rio, wo keiner mehr einen Pfifferling auf sie gibt. Und doch: Als Cicera Aparecida Teixeira de Carvalho ganz ganz unten war, da fand sie Hilfe dort, wo sie sie am wenigsten erwartete.

Vila Mimosa, das ist kein Dorf für Mimosen. Es ist das krasseste Gegenteil davon. Hier sind die Fleischhallen der Millionenstadt Rio de Janeiro. Hier sind die groben Kerle und die gefallenen Frauen. Vila Mimosa ist ein rechtsfreier Raum. Der Abfall wird nicht mehr abgeholt; kein Polizist traut sich hier mehr hinein. Hier war Ciceras Arbeitsplatz. Schon am frühen Nachmittag sind die gekachelten Spelunken und üblen Höhlen mehr, als ein zivilisierter Mensch meint, ertragen zu können. Ohrenbetäubende Beats aus jedem der Bordelle, lallende Schreie, nackte Haut. Es stinkt nach Müll, Alkohol und Körpersäften.

Schneller Ausweg oder neue Chance

"Hier kannst du nur sein, wenn du total zugedröhnt bist mit Drogen oder Schnaps. Die jungen Mädchen nehmen heute alle Paco, Crack." Dabei, berichtet Cicera, tun die meisten zuhause in den Vorstädten so, als arbeiteten sie in der Stadt als Büglerin, Näherin oder Hausmädchen. In Vila Mormosa bekommen sie für eine normale Nummer 35 bis 40 Reais - etwa 15 Euro. Einen Teil davon müssen sie dem Zuhälter geben.

"Wenn du als Prostituierte so alt wirst wie ich, hast du zwei Möglichkeiten zu sterben: den schnellen Ausweg - oder du findest doch noch einmal eine neue Chance." Als der Hunger zu groß wurde und Cicera nichts mehr anzuziehen hatte, schickte eine Freundin sie ein paar Häuser weiter. Dort in der Nebenstraße leben seit fünf Jahren zwei Ordensschwestern der "Missionarinnen des Lebens"; sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, in diesem menschlichen Moloch seelischen und medizinischen Beistand anzubieten.

Eine offene Tür und ein offenes Ohr

Cicera maulte: "Wenn schon meine Freunde nichts mehr von mir wissen wollen, warum dann die da, die mich nicht mal kennen?" Aber sie ging trotzdem hin. Heute sagt sie: "Ohne meine Schwestern hier wäre ich nicht mehr am Leben." Schwester Marie-Belle, eine schmächtige junge Frau mit Brille, Pferdeschwanz und Kreuz auf der Brust, wirkt etwas verhuscht auf den ersten Blick. Falsch. Sie ist eine Große; eine der ganz wenigen Leute, denen nichts passiert in Vila Mimosa. Ihren Status als Respektsperson hat sie sich hart erarbeitet, mit viel Mut, mit Geduld und Beharrlichkeit.

Eine offene Tür und ein offenes Ohr bieten die Schwestern, Lebens- und Rechtsberatung für die entrechteten Frauen, mit denen auch die brasilianischen Behörden gnaden- und herzlos sind. Unterstützt werden die Missionarinnen vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Im medizinischen Bereich arbeiten die Ordensfrauen mit einer Art Praxis-Vorposten zusammen. In dem Blechcontainer unmittelbar am Rande des Strichs versucht der Gynäkologe Dr. Mouses Perseghian, eine Grundversorgung mit dem Nötigsten bereitzustellen.

Medizinische Versorgung und Trost für die Seele

Außerhalb seiner normalen Praxiszeiten anderswo bietet er hier zweimal pro Woche halbtags Untersuchungen, Aids-Tests und Kondome an. Der gläubige Arzt ist überzeugt, dass die Verteilung von Kondomen durch den Staat ein wichtiges Mittel der Aids-Prävention ist - erst recht bei den Frauen von Vila Mimosa, von denen manche 30 Mal pro Tag Geschlechtsverkehr haben.

Die kranke und aufgedunsene Cicera haben die "Missionarinnen des Lebens" damals bei ihrer Ankunft erst einmal gründlich durchchecken lassen. Ebenso wichtig aber war der Trost für die Seele; die Erfahrung, einmal als Mensch behandelt zu werden. Bei ihren Besuchen in dem kleinen Ordenshaus hat Cicera erfahren, dass sie singen kann, sogar sehr schön, mit einer tiefen, gefühlvollen Stimme. Nun träumt sie von einem späten kleinbürgerlichen Leben in Würde. Die Schwestern haben ihr einen kleinen Anschub finanziert. Cicera verkauft jetzt am Straßenrand Süßigkeiten statt ihrer selbst - außerhalb von Vila Mimosa.

Quelle: KNA