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"Im Cauca tickt eine Zeitbombe" - Morde an Indigenen in Kolumbien

In Kolumbien wurden zwischen  Januar und Juni 121 soziale Aktivisten ermordet – 34 alleine in der Region Cauca. Indigene machen dort ein Drittel der Bevölkerung aus. Sie werden überproportional Opfer von Morden - und die Regierung scheint dagegen machtlos zu sein.    

Indigene in der Region Cauca werden häufig Opfer von Mordanschlägen. Foto:  Achim Pohl/ Adveniat

Die Morddrohung kam Anfang Juli. Es waren Pamphlete, die zum Mord an den Koordinatoren der Guardia Indigena im Norden des Verwaltungsbezirks Cauca aufriefen. Die Zentrale des Indianerdachverbandes der Region CRIC in der Stadt Popayán versetzte das in Alarmbereitschaft, denn die Unterzeichner waren: Dissidenten der Farc. Die abgespaltenen Guerilleros der FARC, die im November 2016 das Friedensabkommen mit der Regierung in Bogotá unterzeichnete, haben nicht nur im Norden des Cauca an Stärke gewonnen, sondern auch in anderen Landesteilen. Angesichts der stagnierenden Umsetzung des Friedensvertrages haben gleich mehrere Comandantes der Guerillabewegung, wovon einige sogar am Verhandlungstisch saßen, zur Rückkehr zum bewaffneten Kampf aufgerufen. Dieser Kampf wird im Norden des Cauca besonders brutal geführt. "Bereits in der Vergangenheit sind die indigenen Völker der Region zwischen die Fronten bewaffneter Akteure geraten", sagt Jhoe Sauca, Koordinator für Menschenrechte und des CRIC.

Die Guardia Indigena des CRIC  übernimmt in den indigenen Territorien eine wichtige Schutzfunktion wie eine Polizei: Sie schlichtet Streitigkeiten, arbeitet eng mit der indigenen Justizorganen zusammen, denn Kolumbiens Verfassung billigt den Minderheiten eine gewisse Autonomie zu. Sie sorgt zudem dafür, dass sich keine Unbefugten in den Resguardos breit machen.

Das könnte ein Grund für den Mordaufruf sein, denn im Norden des Cauca geht es um Routen für den Drogenschmuggel, aber auch um dubiose Bergbauinteressen und immer öfter auch um die Nutzung von Wasserressourcen, so Sauca.

"Wir sprechen schon länger von einem drohenden Genozid"

„Unsere Rechte als Minderheit, als kollektive Landbesitzer werden in Kolumbien immer wieder ignoriert und wir sprechen schon länger von einem drohenden Genozid an den indigenen Völkern“, so der 36-jährige Experte, der seit 2018 die Menschenrechtsarbeit des CRIC koordiniert. In den drei Jahren ist das Team von fünf auf derzeit mehr als sechzig Mitarbeitern angewachsen, parallel dazu sind die Mordraten nach oben geschnellt. 2017, im ersten Jahr nach Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung wurden allein im Cauca zehn indigene Aktivisten ermordet. „2018 waren es 21 und 2019 dann 68. Die Zahl der Attentate hat sich also mehr als verdreifacht“, sagte Sauca mit ruhiger Stimme im Büro des CRIC in Popayán im Januar dieses Jahres. Da hatte es bereits sieben tödliche Anschläge auf indigene Frauen und Männer gegeben – bis Ende Juni waren es 19 Morde. Das Morden ist trotz Quarantäne weiter gegangen und Sauca sagt: „Im Cauca tickt eine Zeitbombe“.

Daran hat auch die Verlegung von zusätzlichen Militäreinheiten in die Region im November 2019 nichts geändert. Für Sauca ist das keine Überraschung, denn das Militär verfolge eine Strategie aus dem Bürgerkrieg. „Es geht nach wie vor darum den internen Feind, die Rebellen aufzuspüren, nicht darum Menschenrechte zu schützen und den Frieden zu implementieren“. Er glaubt, und das gilt für viele soziale Aktivisten, indigene, afrokolumbianische genauso wie Bauernvertreter, dass es der Armee um die strategische Kontrolle, nicht um Befriedung gehe. „Die Militärdoktrin ist nie angepasst worden und Indizien für die Kooperation zwischen Militärs und Paramilitärs gibt es aus vielen Landesteilen, so wie aus dem benachbarten Chocó“, so Sauca.

Das bestätigen auch die Recherchen von Menschenrechtsorganisationen wie der Kolumbianischen Juristenkommission (CCJ) oder „Wir sind Verteidiger“ (Somos Defensores). Die permanenten Bedrohungen, denen die indigenen Völker im Cauca aber auch in anderen Regionen Kolumbiens ausgesetzt sind, hat auch massive negative Effekte für das Leben in den Gemeinden: Lokale Aktivistinnen trauen sich nicht mehr mit ihrem Bastón, einem mit Silber beschlagenen und farbigen Bändern dekorierten Holzstock, der sie als líder, als Anführer oder Anführerin kennzeichnet, vor die Tür. "Und jeder Tote und jede Tote bedeutet eine Schwächung der internen Strukturen", meint Sauca.

Rund 200 Morde an Indigenen Anführern seit 2016

Dabei ist der Cauca, die gefährlichsten Region des Landes, nur die Spitze des Eisbergs. Generell sind die indigenen Völker Kolumbiens überproportional stark von Morddrohungen, Mordanschlägen und Vertreibung betroffen ­- landesweit. Je nach Quelle sind zwischen November 2016, der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen FARC und Regierung, und Juni 2020 zwischen 442 und 702 soziale Aktivisten Opfer von Mordanschlägen geworden. Etwa 200 dieser Ermordeten waren indigener Abstammung – obwohl die indigenen Völker Kolumbiens laut dem statistischen Amt Kolumbiens (DANE) nur einen Bevölkerungsanteil von 4,4 Prozent ausmachen.

Besonders gefährlich ist die Situation vor allem dort, wo bewaffnete Akteure um die Kontrolle der Region kämpfen und wo sich indigene Organisationen für ihre Rechte engagieren. So zum Beispiel auch in La Guajira, dem im Nordosten, nahe der Grenze zu Venezuela gelegenem Verwaltungsbezirk. Dort arbeitet Jakeline Romero für die Frauenorganisation „Fuerza de Mujer Wayuú". Auch sie wird bedroht. Anders als viele andere indigene Repräsentanten hat sie zwei Bodyguards von der Nationalen Schutzeinheit (UNP)  zugeteilt bekommen. „Die Zahl der Morde steigt und die an Frauen überproportional stark. Vieles deutet darauf hin, dass es eine Systematik gibt, ob im Cauca, Putumayo, Chocó oder Amazonia“, so die 43-jährige Aktivistin für Frauen- wie indigene Rechte und deren Unabhängigkeit. Sie plädiert für die Implementierung des Friedensabkommens und weiß, dass das in Kolumbien mit einem persönlichen Risiko verbunden sein kann. „Die Nächste könnte ich sein“, sagt sie und steigt in den Pick-Up ein, der sie heute in eine Wayuú-Gemeinde nahe ihrer Heimatstadt Barrancas fährt. Unter permanenter Bewachung der UNP-Bodyguards.