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„Ich mache Präsident Hernández verantwortlich, sollte mir etwas zustoßen“

Jesuitenpriester Ismael Moreno. Foto: Radio Progreso
Jesuitenpriester Ismael Moreno. Foto: Radio Progreso

Der Priester Ismael Moreno wird bedroht, da er die Wiederwahl von Präsident Hernández kritisiert. Die Opposition hat Streiks ausgerufen.

Padre Melo, Sie und andere Mitarbeiter des Jesuitenradios Progreso in Honduras haben Drohungen erhalten. In den sozialen Netzwerken wurde verbreitet, sie würden Waffen vertreiben, und sie wurden als „Achse des Bösen“ diffamiert. Wissen Sie, wer dahinter steckt?

Wir sind sehr besorgt und haben Anzeige erstattet. Die Drohungen sehen wir im Zusammenhang mit unserer journalistischen Arbeit, unserem Einsatz für die Menschenrechte und unsere Proteste gegen die betrügerische Wiederwahl von Präsident Juan Orlando Hernandez. Daher gehe ich davon aus, dass die Drohungen aus dem Umfeld der Regierung stammen. Aber wir warten noch auf eine offizielle Antwort.

Radio Progreso ist eines der wenigen kritischen Medien in Honduras. Sehen Sie in den Drohungen auch einen Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit?

Auf jeden Fall. Zum Beispiel wurden Anfang Dezember auch unsere Übertragungsstationen in der Hauptstadt sabotiert. Ich bin mir sicher, dass dies von regierungsnahen Kreisen ausgeht, denen unsere Kritik ein Dorn im Auge ist.

Honduras ist ein gefährliches Land für Aktivisten, Umweltschützer und Journalisten. Haben Sie Vorsichtsmassnahmen getroffen wie Leibwächter?

Bodyguards lehne ich ab. Wir haben aber Überwachungskameras in der Nähe des Radiosenders, und wir Mitarbeiter von Radio Progreso sind im Schutzprogramm für Aktivisten und Journalisten. Das bedeutet, dass die Polizei häufiger bei uns Streife fährt. Aber der Personenschutz ist nicht das Problem. Der eigentliche Knackpunkt sind die Ermittlungen. Auf solche Drohungen reagiert man am besten, indem man sie aufklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht.

In welchem Zustand ist das Land nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Hernandez?

Honduras ist sehr instabil und polarisiert. Die Oppositionsallianz hat zu einem Generalstreik Ende Januar aufgerufen. Wir rechnen mit weiteren Demonstrationen und Repression durch die Sicherheitskräfte.

Die Kirche hat zu einem Dialog aufgerufen. Sehen Sie dafür die Voraussetzungen?

Dialog ist prinzipiell positiv. Aber wenn Hernández dazu aufruft, ist das problematisch und wirkt mehr so, als wolle er den Wahlbetrug reinwaschen. Dialog ist nur dann möglich, wenn man die Berichte der Wahlbeobachter als Ausgangspunkt nimmt, wonach es im November Wahlbetrug gab, und wenn er nicht von Hernández einberufen wird, sondern von einer international glaubwürdigen Instanz.

Das scheint eher unwahrscheinlich. Welche Szenarien bleiben Honduras dann?

Eines ist, dass wir Demokratie und Rechtsstaat zurückerobern, indem die Proteste der Gesellschaft erhört und die Wahlen annulliert werden. Hernández müsste die Macht an eine Übergangsregierung abgeben, die Neuwahlen einberuft. Das andere ist der Weg in die Diktatur. Einer illegitimen Regierung wie der von Hernández bleibt keine andere Wahl, als Regierungsfähigkeit und Stabilität durch Repression zu erzwingen und dadurch, dass er die Loyalität von Politikern, Wirtschaftsbossen und Sicherheitskräften kauft. In diesem Fall muss sich Hernández noch dazu komplett den Anordnungen der USA unterwerfen, die hier die eigentlichen Herren sind.

Welche Rolle haben die USA denn in dem Konflikt gespielt?

Eines ist klar, hier hat nicht das Volk den Präsidenten eingesetzt, sondern die US-Regierung. Hernández steht im Dienste der strategischen Interessen der USA. Er ist aber nicht der Traumpräsident der USA, sondern das kleinere Übel. Die USA wollten vor allem eine Regierung verhindern, in der Manuel Zelaya etwas zu sagen hat, weil er als linker Bündnispartner Venezuelas gilt.

Die EU-Wahlbeobachter haben ebenfalls harsche Kritik an dem Urnengang geübt, aber die meisten EU-Staaten, darunter auch Deutschland, haben Hernández anerkannt. Wie ist das zu verstehen?

Das zeigt die Ambivalenz der Europäer. Sie sind zum einen kritisch, folgen aber dann den Anweisungen aus dem US-Außenministerium und desavouieren damit ihre eigenen Institutionen. Die EU ist so eine Art Anhängsel der US-Außenpolitik.

Welche konstruktive Rolle könnte die internationale Gemeinschaft spielen?

Ich appelliere an die internationale Gemeinschaft, im Namen von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit diese Farce in Frage zu stellen und uns beim Bemühen um Neuwahlen zu unterstützen. Und zwar aus eigenem Interesse, denn mit Hernández wird Honduras nicht zur Stabilität finden, ganz im Gegenteil. Unter Hernández wird das Leben von vielen Menschen in Gefahr sein. Ich mache ihn persönlich dafür verantwortlich, sollte mir etwas zustoßen. Und die USA, die EU, die UNO und die Organisation Amerikanischer Staaten werden eine Mitverantwortung tragen, weil sie diese Regierung unterstützen, von der sie genau wissen, dass sie repressiv ist und ein schmutziges Spiel spielt.

Interview: Sandra Weiss

Adveniat: Lebensgefahr für Journalisten

Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hat in einer Pressemitteilung ihre Sorgen über die Lage im Land ausgedrückt. „Unsere Projektpartner von Radio Progreso, insbesondere Ismael Moreno Coto und sein achtköpfiges Redaktionsteam, sind in Lebensgefahr“, sagt Inés Klissenbauer, Honduras-Referentin beim Lateinamerika-Hilfswerk.

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