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"Ich hatte keine andere Wahl"

Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. In Lateinamerika nimmt Ecuador die meisten Flüchtlinge auf. Dorthin gelangen viele Vertriebene des kolumbianischen Bürgerkriegs, der auch 3,8 Millionen Kolumbianer zu Binnenflüchtlingen gemacht hat.

Pünktlich zum Weltflüchtlingstag hat das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) Zahlen zur Lage der Flüchtlinge weltweit präsentiert. Dem am Montag in Genf vorgestellten Weltflüchtlingsbericht „Globale Tendenzen 2011“ zufolge befinden sich heute 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Im vergangenen Jahr seien 4,3 Millionen neue Flüchtlinge hinzugekommen. Insgesamt 800.000 Menschen wurden dabei zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Ein trauriger neuer Rekord, der vor allem den Konflikten in Afrika und dem Nahen Osten geschuldet ist.

Flucht aus dem Bürgerkrieg

Während Deutschland mit der Aufnahme von 571.000 Personen im Jahr 2011 weltweit die größte Zahl an Flüchtlingen aufgenommen und ihnen einen Ort der Zuflucht vor Krieg und Vertreibung geboten hat, so wird dieses Ranking in Lateinamerika von Ecuador angeführt. Insgesamt 44.092 Menschen auf der Flucht haben zuletzt in der Andenrepublik ein neues Zuhause gefunden. Mit 98 Prozent kommt die große Mehrheit von ihnen aus dem Nachbar- und Bürgerkriegsland Kolumbien.

In den letzten Jahren sind rund 282.000 Kolumbianer dorthin geflüchtet. Bei einem Besuch von UNHCR-Chef António Guterres in Ecuadors Hauptstadt Quito mit einem anschließenden Abstecher nach Guayaquil zu Wochenbeginn, machte sich der oberste Flüchtlingskommissar deshalb selbst ein Bild vor Ort. „Wegen der Gewalt in meinem Land bin ich hier her gekommen“, erzählt eine Kolumbianerin. „Ich hatte keine andere Wahl", so die 30-Jährige. Es sind vor allem Afrokolumbianerinnen, die im nördlich von Ecuador gelegenen Kolumbien Opfer von Verfolgung und Gewalt werden.

Schwerer Neubeginn

Das neue Leben in einem anderen Land ist jedoch kein Zuckerschlecken. Schwierigkeiten mache ihr vor allem der Flüchtlingsstatus. „Hier bin ich sicher, aber der Flüchtlingspass macht mir Schwierigkeiten“, klagt die mehrfache Mutter über Probleme bei der Jobsuche. Das UNHCR-Dokument werde von Behörden nicht anerkannt. Darum erhalte sie keine Arbeitsgenehmigung und ihre Kinder könnten nicht zur Schule gehen. Auch ein Bankkonto kann sie nicht eröffnen.

Andere Kolumbianerinnen beklagen sich bei den UNHCR-Vertretern darüber, dass sie als Frauen benachteiligt werden und sie erzählen von Diskriminierung wegen ihrer Hautfarbe: „Meine Tochter will nicht mehr in die Universität gehen, sie wird dort sexuell belästigt“. Rund 70 Prozent der in Ecuador registrierten Flüchtlinge sind Frauen, Jungen und Mädchen. Sie haben es besonders schwer.

Solidarität für die Schwächsten

Gerade weil es die Schwächsten der Gesellschaft sind, die aus ihrer Heimat vertrieben werden, wirbt der ehemalige portugiesische Ministerpräsident António Guterres in seinem jetzigen UN-Amt für Verständnis und Solidarität. „Alles hinter sich zu lassen, was einem lieb und teuer war, bedeutet, sich in einer unsicheren Zukunft wieder zu finden, in einer fremden Umgebung. Stellen Sie sich vor, welchen Mut es erfordert, mit der Aussicht fertig zu werden, Monate, Jahre, womöglich ein ganzes Leben im Exil verbringen zu müssen“, macht der 2010 für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigte Vorsitzende des UN-Flüchtlingskommissariats auf die Lebenslage von Millionen Vertriebenen aufmerksam.

Kolumbiens trauriger Flüchtlingsrekord

Verglichen mit der Situation in anderen Regionen der Welt, ist die Lage in Lateinamerika relativ entspannt. Der Anteil der Flüchtlinge zwischen Rio Grande und Feuerland beträgt acht Prozent. Das ist der niedrigste Wert weltweit. Die Mehrzahl von ihnen kommt aus Kolumbien. Im Jahr 2011 waren das 395.000 Menschen. Allein Venezuela hat im Laufe der Jahre insgesamt 202.000 kolumbianischen Bürgerkriegsopfern seine Türen geöffnet.

Der bewaffnete Konflikt zwischen der Zentralregierung in Bogotá und den Rebellen beschert Kolumbien einen weiteren traurigen Rekord. Über 3,8 Millionen Menschen sind laut UNHCR und Regierungsangaben im eigenen Land auf der Flucht. Sie gelten damit als Binnenflüchtlinge. Mit dieser Zahl liegt Kolumbien weltweit an der Spitze - noch vor Bürgerkriegsnationen wie Afghanistan, Irak oder Somalia.

Autor: Benjamin Beutler

Binnenflüchtlinge in Cali, Valle del Cauca /chiaramar, Flickr