|

"€?Ich dachte, es sei das Ende der Welt"€?

Es war das letzte Sommerferien-Wochenende vor Schulbeginn in Chile. “Wir hatten mit Freunden gefeiert, und plötzlich begann die Erde zu wackeln. Es war furchtbar und nahm kein Ende. Um uns herum stürzten Häuser ein, die Strassenlaternen schienen aus Gummi zu sein, und ich dachte, gleich würde sich die Erde öffnen und uns verschlucken.” So erlebte der Student Sebastian Sanzana aus Santiago de Chile das Beben der Stärke 8,8 auf der Richterskala, das in der Nacht zum Samstag das lateinamerikanische Land erschütterte. Laut offiziellen Angaben kamen mehr als 300 Menschen ums Leben, eineinhalb Millionen wurden obdachlos.

Das Epizentrum lag in rund 30 Kilometer Tiefe rund 325 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Santiago und löste eine Tsunamiwarnung aus. Auf der zu Chile gehörenden Pazifikinsel Juan Fernandez, rund 600 Kilometer vom Festland entfernt, starben fünf Menschen und elf wurden nach einer riesigen Flutwelle vermisst. Die eineinhalb Minuten dauernden Erdstösse brachten Häuser und Brücken zum Einsturz, auf den Strassen rissen Krater auf, Landesteile an der Küste wurden überschwemmt, das Gefängnis von Chillán ging in Flammen auf ebenso wie eine Chemiefabrik in der Hauptstadt Santiago. Dort brach auch eine Autobahnbrücke auseinander, in Teilen der Stadt fiel der Strom aus. Die Metro wurde nach dem Beben eingestellt. Menschen gerieten in Panik und übernachteten im Pyjama auf der Strasse und in ihren Vorgärten. Vor den Tankstellen bildeten sich am Morgen lange Schlangen. Der internationale Flughafen musste wegen schwerer Schäden vorübergehend geschlossen werden ebenso wie der Hafen von Valparaiso.

“Wir schliefen, als der Lärm und das Zittern uns weckte. Es wurde immer stärker und wir rannten auf die Terrasse. Dort hörten wir, wie Geschirr herunterfiel und die Kacheln in der Küche barsten. Wir hatten sehr viel Furcht und verbrachten die Nacht draussen. Es gab viele Nachbeben. Wir hatten keinen Strom, und die Telefone funktionierten auch nicht”, schrieb Maia Seeger aus dem Badeort Maitencillo in einer Mail. “Ich dachte, es sei das Ende der Welt”, sagte der Händler Vicente Acuna aus der Stadt Talca der Nachrichtenagentur Reuters. Die Städte Talca und Concepción wurden besonders heftig getroffen. Das historisches Zentrum von Talca wurde dem Boden gleichgemacht. Glücklicherweise befanden sich dort vor allem Geschäfte, die um halb vier Uhr morgens leer standen. In der Stadt Concepción stürzten zahlreiche Gebäude ein, darunter ein 15stöckiges Wohnhaus.

Notstand ausgerufen

Präsidentin Michelle Bachelet reiste am Samstag ins Erdbebengebiet und machte sich ein Bild von der Lage. Anschliessend rief sie in einer landesweiten TV-Ansprache den Notstand in fünf Provinzen aus, verlängerte die Ferien um eine Woche, sagte für 72 Stunden alle Veranstaltungen ab und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Sie dankte den Soldaten, Feuerwehrleuten und Rettungsdiensten für ihre “unermüdliche Arbeit” und der internationalen Gemeinschaft für die zahlreichen Solidaritätserklärungen. Die Europäische Union, die USA und viele lateinamerikanische Nachbarn hatten ihre Hilfe angeboten. Bachelet entgegnete ihnen jedoch, Chile sei derzeit alleine in der Lage, mit der Katastrophe fertig zu werden. Bachelets Nachfolger Sebastian Piñera, der in zwei Wochen sein Amt antritt, erklärte, zwei Prozent des Haushalts für den Wiederaufbau der zerstörten Region verwenden zu wollen.

Stärkste Beben der Geschichte

Es handelte sich um eines der stärksten überhaupt gemessenen Beben in der Geschichte. Das stärkste mass 9,6 auf der Richterskala und erschütterte Chile 1960, das zweistärkste mit 9,1 löste 2004 den Tsunami in Südostasien aus. Das langgestreckte Land an der südamerikanischen Pazifikküste liegt an einer besonders aktiven Erdspalte und wird daher häufig von Beben und Vulkanausbrüchen heimgesucht. 3500 Erdstösse messen Geologen dort jährlich. Daher sind die Bauvorschriften im Gegensatz zu Haiti äusserst strikt. Ausserdem verfügt das Land über eine funktionierende Infrastruktur und gut organisierte Institutionen. Chile gehört seit Januar zur Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD).

Autorin: Sandra Weiss