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Hungersnot in Guatemala - Klimawandel verschärft strukturelle Armut

Puebla. Wegen einer Hungersnot hat Guatemalas Präsident Alvaro Colom am Mittwoch den Notstand über das mittelamerikanische Land verhängt. Eigentlich ist im Sommer Regenzeit, doch seit Wochen fällt kaum Niederschlag. Mais und Bohnen vertrocknen; rund 400.000 Menschen drohen zu verhungern. Der Klimawandel sei ein Grund für die anhaltende Dürre und die Hungersnot, erklärte Colom. Bislang verhungerten dem Gesundheitsministerium zufolge 462 Menschen, darunter 54 Kinder. Akut betroffen sind demnach 54.000 Familien, insbesondere in ländlichen Gemeinden, in denen die indigene Bevölkerung vom Anbau von Mais und Bohnen für den Eigenbedarf lebt. Durch die ausbleibenden Niederschläge vertrockneten jedoch 60 Prozent der Ernte. Meteorologen glauben, dass „El Nino“ im Anmarsch ist. Das durch veränderte Meeresströmungen im Pazifik verursachte Phänomen führt zu Dürre im Zentrum des Amerikanischen Kontinents und zu sintflutartigen Regenfällen und Hurrikanen an der Westküste. El Nino wird vermutlich durch den Treibhauseffekt verstärkt.

Doch das eigentliche Problem liegt woanders, wie der Staatschef einräumte: „Guatemala hat seit Jahrzehnten einen hohen Anteil von armen, notleidenden und hungernden Menschen aufgrund schreiender Ungleichheit. Das ist der eigentliche Grund für die aktuelle Nahrungsmittelkrise“, sagte der Sozialdemokrat. Es gäbe zwar ausreichend Lebensmittel, aber 51 Prozent der Bevölkerung könnten sie nicht kaufen. Besonders benachteiligt sind die Ureinwohner, die 60 Prozent der Bevölkerung und 75 Prozent der Armen stellen. Zu diesem Schluss kam auch der UN-Beauftragte für Nahrungssicherheit, Olivier de Schutter. „Guatemala ist ein sehr reiches Land, aber mit einem sehr schwachen und armen Staat und einem strukturellen Armutsproblem“, resümierte er vor einigen Tagen nach einem Besuch. Er legte der Regierung nahe, die Steuern zu erhöhen, um damit mehr Sozialausgaben bestreiten zu können und diese Gelder transparent zu verwalten.

Guatemala gehört mit einem Steueraufkommen von knapp zehn Prozent zu den Schlusslichtern in Lateinamerika. Der Sonderfonds für Sozialentwicklung, der das Budget der meisten Ministerien übertrifft, wird von der Präsidentengattin unter Ausschluss öffentlicher Kontrolle verwaltet. Ein weiteres Problem ist der sich ausbreitende Anbau von Biotreibstoffen sowie der Aufkauf von großen Ländereien durch Drogenhändler. Dadurch wird die Anbaufläche für Grundnahrungsmittel verringert.
Colom bat in seiner Ansprache die internationale Gemeinschaft um Unterstützung und verkündete, Gelder aus dem Haushalt für Nothilfe zur Verfügung zu stellen. Das UN-Welternährungsprogramm begann mit der Verteilung von 20 Tonnen Lebensmitteln. Der UNO zufolge ist die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren in Guatemala unterernährt. Damit ist das Land trauriger Spitzenreiter in der Region.

Autor: Sandra Weiss