Venezuela |

Hugos Kindersoldaten

Es sind Bilder die Angst machen und wohl auch machen sollen: Eine Gruppe von Kindern posiert schwer bewaffnet für den Fotografen. Sie sitzen mit sozialistischem Halstuch und Uniform vor einem riesigen Graffiti, das einen Jesus Christus mit einer Kalaschnikow zeigt. Die Fotos aus Caracas gefährlichsten Stadtteil, dem "Bloque 23 de Enero", haben in Venezuela eine hitzige Debatte ausgelöst. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Venezuelas Staatpräsident Hugo Chávez in den Armenvierteln rote Milizen "zur Verteidigung der Revolution" mit Waffen ausstattet.

Welle der Empörung

Die Bilder, die die schwer bewaffneten jungen Anhänger von Hugo Chávez zeigen, sind der venezolanischen Regierung unangenehm. Aufgeschreckt durch eine Welle der Empörung verurteilte Innen- und Justizminister Tareck El Aissami öffentlich die Fotos. Dass in den vergangenen Tagen auch noch Mexikos Botschafter Carlos Pujalte und seine Frau Paloma Ojeda ausgerechnet im schwer bewaffneten Villenviertel "La Nueva Florida" Opfer einer der unzähligen Express-Entführungen wurde, befeuerte die Debatte im Wahljahr zusätzlich. Niemand ist vor der Gewalt in Caracas mehr sicher, behauptet die Opposition. Die Regierung hält dagegen und kündigte eine Verstärkung der Polizeikräfte an.

Vor gut einem Jahr hatte die Tageszeitung "El Universal" ein Schockfoto auf der Titelseite veröffentlicht, dass einen Leichenberg im "Morgue de Bello Monte" zeigt. Die Redaktion wollte damit auf die ausufernde Gewalt in Venezuela hinweisen, die sich wie ein Krebsgeschwür in dem südamerikanischen Land ausgebreitet hat. Die Ziffern, die aufrütteln sollten, lieferte das Blatt gleich mit: 15 Millionen illegale Waffen gibt es in Venezuela. 72 Prozent der Mordopfer sind zwischen 15 und 29 Jahre alt. Zwei Drittel von ihnen starben zerfetzt von mindestens fünf Kugeln. Viele sind grauenhaft zugerichtet, so dass es Tage dauert, die Leichen zu identifizieren. Dann spielen sich herzzerreißende Szenen in den Krankenhäusern und Leichenschauhäusern Venezuelas ab, wenn die Angehörigen aus den entstellten Körperteilen ihre Söhne, Töchter, Väter oder Mütter wiedererkennen sollen.

Sicherheitslage ist Wahlkampfthema

Die Sicherheitslage in Venezuela wird zu einem der zentralen Wahlkampfthemen im Vorfeld kommenden Präsidentschaftswahl im Oktober 2012, bei denen sich der Staatschef erneut zur Wahl stellen wird. Bislang prallten die Vorwürfe an Chávez ab. Der schiebt die Verantwortung für die ausufernde Gewalt in seinem Land gerne oppositionellen Gouverneuren oder Bürgermeistern zu. Doch im Land wächst der Protest von Menschenrechtsorganisationen und jungen Studentengruppen, die das hilflose wie fruchtlose Agieren des Staatsapparates nicht mehr länger hinnehmen will.

Der junge Oppositionspolitiker Henrique Capriles (40), der Chávez bei den kommenden Wahlen herausfordern will, hat das Sicherheitsthema bereits als wichtigstes Wahlkampfthema entdeckt: "Der Politik fehlt der Wille die Gewalt zu beenden".

Die via Facebook verbreiteten Fotos der bewaffneten Kinder haben dem Wahlkampf nun eine neue Schärfe gegeben. Die Bilder zeigen, dass die Regierung offenbar die Gewalt als einzigen Lösungsweg betrachtet, unsere Differenzen beizulegen, erklärte die Oppositionspolitikerin María Corina Machado.

Autor: Tobias Käufer/Bogotá