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Hugos Herausforderer

Venezuelas Opposition setzt auf die Jugend: Der 39 Jahre alte Wirtschaftsjurist Henrique Capriles Radonski soll bei den Präsidentschaftswahlen am 7. Oktober den regierenden Sozialisten Hugo Chavez ablösen. Der Gouverneur von Miranda gewann am Sonntag mit 62,2 Prozent der Stimmen die Vorwahlen des Oppositionsbündnisses „Mesa de la Unidad Democrática“ (MUD - Tisch der demokratischen Einheit). Fast drei Millionen Menschen brachte die Opposition an die Wahlurnen: "Eine solche Teilnahme haben wir nicht erwartet", rief Capriles von der Partie „Primero Justicia“ (Gerechtigkeit zuerst) seinen begeisterten Anhängern zu.

Henrique Capriles ist in Caracas geboren, hat aber deutsche und polnische Wurzeln. Ein Teil seiner jüdischen Vorfahren kam im Warschauer Getto ums Leben. Mit 39 Jahren strahlt der Katholik etwas aus, was Chávez auch wegen seiner jüngsten Krankengeschichte nur noch schwer vermitteln kann: Zukunft. Zwar hat Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez nach eigenen Angaben den Krebs besiegt, doch viele Venezolaner glauben ihm das nicht.

Kontrastprogramm statt direkter Konfrontation

Der Kandidat der Opposition versucht erst gar nicht mit den martialischen Chávez-Auftritten mitzuhalten. Stattdessen setzt er auf ein Kontrastprogramm. Capriles brüllt, beleidigt und demütigt seine Gegner nicht wie es Chavez öffentlich immer wieder zelebriert. Capriles spricht leise und überlegt. Er zielt präzise auf die Angriffsflächen der Regierung. Die ausufernde Gewalt und Kriminalität, die sich wie ein Krebsgeschwür in Caracas und ganz Venezuela ausgebreitet hat, ist ein sensibler Angriffspunkt der Chávez-Regierung: "Der Politik fehlt der Wille die Gewalt zu beenden", sagt er während einer Vereidigung von 850 Friedensbotschaftern in seiner Heimatprovoinz, die helfen sollen Konflikte friedlich zu lösen. "Paz" (Frieden) steht während seiner Rede auf seiner weißen Baseball-Kappe und auf den weißen T-Shirts der von ihm vereidigten Helfer.

Lula als Vorbild

Auch in der Wirtschaftspolitik bietet Capriles den Wählern eine wohlüberlegte Alternative. Als studierter Wirtschaftsjurist vermittelt er bei öffentlichen Auftritten Kompetenz und Sachverstand. " Chávez plant den Weg zum Sozialismus, ich biete einen Weg zum Aufschwung und Fortschritt" lautet sein plakatives Leitmotiv. „Ich favorisiere das brasilianische Wirtschaftsmodell, denn es hat bewiesen, dass man Menschen damit aus der Armut holen kann“, sagt er und zielt damit auf die enttäuschten Wählergruppen aus dem moderaten Flügel des Chávez-Lagers. Ein bisschen links muss dann doch sein, zu radikal soll der Wechsel nicht werden.

Mit den Vorwahlen der Opposition hat der Wahlkampf in Venezuela erst richtig begonnen. Der Favorit Capriles gab sich schon vor dem Wahltag selbstbewusst: „Ab dem 13. Februar haben wir eine andere politische Realität in diesem Lande.“ Venezuelas Opposition hat am Sonntag ein beeindruckendes Lebenszeichen gesendet. Viele, die sich angesichts der demütigenden Repressalien der regierenden Chavistas ängstlich weggeduckt hatten, zeigen nun Flagge: In Rekordzeit kursierten auf den venezolanischen Handys und sozialen Netzwerken Sympathiebekundungen für den Gewinner der Vorwahlen. "Wir haben keine Angst mehr", rief der unterlegene Pablo Pérez der jubelnden Menge zu und versicherte dem Sieger seine Unterstützung. Der gab noch am Abend seinen Leitspruch gegen den bis dato für unbezwingbar gehaltenen Chávez gleich mehrfach zum Besten: "Es gibt einen Weg."

Autor: Tobias Käufer, Bogotá