Haiti |

Hoffnung aus der Diaspora

Untersetzt, die Nickelbrille auf der Nase, krault er seinen graumelierten Bart. Wenn er erzählt, bebt sein ganzer Körper, seine Stimme singt und die Zuhörer lauschen gespannt. George Anglade ist “Lodyans”. So nennt man die Geschichtenerzähler in Haiti. Seine Gedanken springen vom eigenen Erlebten 300 Jahre in die Vergangenheit, zur Besiedlung der Karibikinsel Saint Dominique durch afrikanische Sklaven. Dann eilt er voraus in die Zukunft, die er eher düster zeichnet.

Dieser 65-jährige Sohn einer “gespaltenen Nation”, wie er es nennt, von deren Bevölkerung ein Drittel im Ausland lebt, lässt sich schwer bremsen. Aus Sorge um sein Land sucht der Mann vieler Karrieren nach einem Weg aus der “misère”, dem Elend, seines Volkes.

Im Gegensatz zu den 65 Prozent der Inselhaitianer, die mit 10 Centimes, also Pfennigbeträgen, überleben, hat Anglade es geschafft. Er ist aufgestiegen, hat studiert und verdiente sich als Professor seinen Unterhalt. Sein Fachwissen als Geograph empfahl ihn für einen politischen Posten. Derer bekleidete er gleich drei, sowohl in der Regierung von Präsident Jean-Bertrand Aristide, an dessen politischem Manifest er mitschrieb, wie auch unter Präsident René Preval.

Doch im Grunde wollte Anglade Geschichten erzählen. Vor 18 Jahren hielt es ihn nicht länger, zu viel passierte um ihn herum. Er musste die Geschehnisse zu Papier bringen. Einen Einblick gibt das Buch “Das Lachen Haitis”. In neunzig Miniaturen präsentiert der Autor die Seele der Haitianer und damit auch seine eigene.

Trotz der desolaten Lage Haitis, das “den Rest der Welt nicht interessiert”, versucht er mit Humor, die traurige Realität zu porträtieren, ihr ein Lachen abzugewinnen.

Haiti ließe sich nur aus seiner Geschichte als Sklavennation verstehen, argumentiert er. Auch die katholische Kirche trägt im Urteil von Anglade eine gehörige Portion Verantwortung an der Misere, da sie plötzlich “das von ihr gezeugte Kind“ aus Angst vor der Macht” allein gelassen habe. Gemeint ist Präsident Aristide, “Hoffnungsträger der Nation”, dem es gelungen sei, die einfachen Menschen in einer friedlichen Bewegung zu mobilisieren.

Man solle ihn nicht falsch verstehen, sagt er. Er schätze die karitative Arbeit einzelner Priester oder von Adveniat hoch ein, diesen “großherzigen Einsatz”. Aber diese Einzelaktionen könnten “keinen politischen und gesellschaftlichen Wandel herbeiführen”.

Anglade, der unter dem Diktator Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier inhaftiert war, wie sich aus den Miniaturen “Die maliziösen Tage im Gefängnis” oder “Totensignale” herauslesen lässt, fürchtet nicht die Konfrontation mit den Mächtigen, den USA. “Es fehlt überall der politische Wille, um in Haiti etwas zu ändern”, poltert er. Seine Geschichte “Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?” nimmt den Aderlass der Mittelschicht durch die Migration ins Ausland aufs Korn. Allein auf diese Mittelschicht im Exil vertraut er. “Diese neue Generation von Haitianern in der Diaspora, die ihr Land liebt, auf ihr liegt die Hoffnung.”

"Das Lachen Haitis" und "Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?" sind im Verlag litradukt, Kehl erschienen. Sie sind im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich.

Autorin: Brigitte Schmitt