Brasilien |

Höchste Selbstmordrate unter Indigenen seit 28 Jahren

Maisernte im Guaraní-Dorf. Foto: Jürgen Escher/Adveniat.
Maisernte im Guaraní-Dorf. Foto: Jürgen Escher/Adveniat.

Nach Angaben des Indigenenmissionsrates CIMI ist die Selbstmordrate unter Indigenen im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul im vergangenen Jahr so hoch gewesen, wie seit 28 Jahren nicht mehr. Insgesamt sind laut Daten der Gesundheitsbehörde für Indigene (DSEI/MS) im Jahr 2013 unter Indigenen 73 Selbstmorde registriert worden. CIMI wird diese und andere Daten im Juni in seinem Bericht über Gewalt gegen Indigene Völker in Brasilien (Informe de Violencia Contra los Pueblos Indígenas en Brasil) veröffentlichen.

72 Selbstmorde unter Guaraní-Kaiowá

Von den 73 Toten gehören 72 dem Volk der Guaraní-Kaiowá an, die meisten waren zwischen 15 und 30 Jahre alt. Otoniel, ein Anführer der Guaraní-Kaiowá, glaubt, es sei Perspektivlosigkeit, die so viele Jugendliche seines Volkes dazu treibe, sich das Leben zu nehmen: "Sie haben keine Zukunft, werden nicht respektiert, haben keine Arbeit und kein Land, um es bestellen und bearbeiten zu können. Sie entscheiden sich zu sterben, weil sie in Wahrheit innerlich bereits tot sind", so Otoniel.

Laut Marco Antônio Delfino de Almeida, Staatsanwalt beim Innenministerium des Bundesstaates Mato Grosso do Sul, sind die Arbeitsmöglichkeiten der Indigenen praktisch auf Hilfsarbeiten beschränkt, wie etwa das Schneiden von Zuckerrohr. Das Bildungsmodell sei "nicht an die Gemeinschaft angepasst worden", weshalb die Eingliederung in den Arbeitsmarkt nicht gelinge, so der Staatsanwalt. Hinzu kämen "Diskriminierung und ethnischer Hass", den auch Kommunikationsmedien verbreiten. "Indigene werden als hinderlich, als Hemmnis und Blockierer wahrgenommen, die der Entwicklung nur im Weg stehen. Es ist, als ob die Kommunikationsmedien die Botschaft verbreiten würden: "Wenn Sie wollen, dass es ihnen gut geht, dann räumen Sie diesen Indio aus dem Weg", so de Almeida.

Dramatische Folgen von Umsiedlungsprozessen

Laut Staatsanwalt bilden die Folgen eines zwischen 1915 und 1928 begonnenen staatlichen Umsiedlungsprozesses den Hintergrund für die heutigen Probleme der Indigenen, da ihre Lebensgrundlage und Lebensform dadurch zerstört und sie sich nur noch als billige Arbeitskräfte verdingen konnten. So leben heute im Schutzgebiet von Dourados 13.000 Indigene auf 3,6 Hektar Land, wie die stellvertretende Generalstaatsanwältin Deborah Duprat berichtet. Dort haben sich allein 18 Indigene im vergangenen Jahr das Leben genommen.

Angesichts dessen fordert Staatsanwalt de Almeida, dass zunächst die Fehler gegenüber den Indigenen eingestanden und Wiedergutmachung geleistet werden müsse. Ein erster Schritt hierzu sei die Demarkierung von indigenen Territorien. (bh)