Haiti |

Herumirrende Menschen, stockfinstere Nacht im Park

Völliges Chaos herrschte in Haiti auch noch in der zweiten Nacht nach dem Beben: tausende Menschen, die obdachlos wurden, schliefen in stockdunklen Parks unter freiem Himmel, berichteten örtliche Journalisten. Als Kochstellen und Lichtquellen dienten Lagerfeuer. Tagsüber irrten Menschen in Massen durch die Straßen, auf der Suche nach Angehörigen, Trinkwasser, Essen und Medikamenten, schilderte ein Oxfam-Mitarbeiter. Die Infrastruktur und der Staat seien völlig zusammengebrochen. Nur an wenigen Stellen seien Bagger im Einsatz, die Menschen zerrten mit blossen Händen Leichen unter den Trümmern hervor, die teilweise am Straßenrand abgelegt würden. Offizielle Opferzahlen lagen auch am Mittwoch nicht vor; das Rote Kreuz schätzt, dass jeder Dritte durch das Beben geschädigt wurde; Minister sprachen von „zehntausenden“ Toten. Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. 80 Prozent der neun Millionen Einwohner leben von der Hand in den Mund.

Die Krankenhäuser – wenn sie denn dem Beben stand gehalten hatten – waren nach Angaben der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ mit dem Ansturm völlig überfordert. Das Gesundheitssystem sei kollabiert. Ein CNN-Korrespondent berichtete aus Port-au-Prince, dass Präsident René Préval zwar persönlich am Flughafen die ersten Hilfsflüge empfangen habe, es gebe aber keine organisierte Verteilung der Hilfsgüter. Preval, der noch sichtlich unter Schock stand und um Haaresbreite den Einsturz des Präsidentenpalasts überlebte, warnte in ersten Interviews vor drohenden Epidemien und sprach von einem „unvorstellbaren Ausmaß“ der Katastrophe. Die Kommunikation mit der Insel war weiterhin prekär, Internet und Telefone funktionierten nur schubweise für kurze Zeit.

Am Mittwoch wurde nach und nach das ganze Ausmaß der Katastrophe publik. So starb der Erzbischof, erschlagen vom herabfallenden Dach seines Büros. Das unter deutsch-haitianischer Leitung stehende Hotel Montana fiel ebenfalls in sich zusammen und begrub schätzungsweise 200 Menschen unter sich, wie der französische Entwicklungsminister Alain Joyandet mitteilte. Darunter auch viele Ausländer. Die UN-Stabilisierungstruppe Minustah, die rund 9000 Mitarbeiter in Haiti stationiert hat, war den ganzen Tag damit beschäftigt, Verletzte und Toten aus den Trümmern ihres zusammengebrochenen Hauptquartiers zu bergen. Rund 150 UN-Mitarbeiter starben vermutlich. Unter den Vermissten befindet sich auch der zivile Chef der Minustah, der Tunesier Hedi Annabi. Das Parlament, ein Krankenhaus und einige Ministerien waren eingestürzt.

Unterdessen liefen weltweit Solidaritätsaktionen an. Venezuela, Mexiko, die USA, Kolumbien, Kuba, Kanada und die Dominikanische Republik schickten erste Hilfsgüter und Katastrophenhelfer, teilweise mit Beben-Suchhunden. Deutschland stellte 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Zahlreiche Nicht-Regierungs-Organisationen, die wie die Welthungerhilfe, das Rote Kreuz und Oxfam ständig vor Ort sind, arbeiteten mit Hochtouren am Aufbau einer minimalen Infrastruktur für die Verteilung der Nothilfe, waren aber oft selbst durch eingestürzte Büros und kollabierte Kommunikationsstrukturen gehandicapt. Die internationale Hilfe ist nun die einzige Hoffnung für das Armenhaus der Karibik und seine leidgeplagten Bewohner.

Autorin: Sandra Weiss