Kolumbien |

Hebammen im freien Fall

Sie sind zu jeder Tages‐ und Nachtzeit im Dschungel unterwegs, auf Flüssen und miserablen Straßen. Sie haben gelernt, mit Hochwasser und Schlangen fertig zu werden, um Frauen bei der Geburt ihrer Kinder zu helfen. Dennoch werden Kolumbiens traditionelle Hebammen von der Schulmedizin ihres Landes marginalisiert. Sie hoffen auf ein Gesetz, dass diesen Zustand beendet und sie rechtlich absichert.

Kolumbien kann rund 1.500 Geburtshelferinnen und einen eigenen Berufsverband vorweisen. Der 250 Mitglieder starke Zusammenschluss an der Pazifikküste des Landes heißt ´Asociación de Parteras Unidas del Pacifico´ (ASOPARUPA) und wurde von Rosmilda Quiñones vor 19 Jahren gegründet, die ihn auch heute noch, im Alter von 60 Jahren, leitet.

Früh in den Beruf hineingewachsen

Viel spricht dafür, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Geburtshelferinnen zu einer niedrigen Neugeborenen‐ und Müttersterblichkeit beitragen kann. "Im ganzen letzten Jahr und in der ersten Hälfte 2010 ist keine Frau bei einer Geburt gestorben, bei der eine Hebamme unseres Verbands assistierte", berichtet Liceth Quiñones, die Tochter. Die 22‐jährige Hebamme praktiziert in der Hafenstadt Buenaventura. Sie ist früh in den Beruf hineingewachsen, schon mit sechs half sie ihrer Mutter. "Geburtshilfe lernt man durch mündliche Vermittlung und viel Praxis", erklärt sie. Mit 13 war sie bereits so erfahren, dass sie bemerkte, wenn eine Plazenta nicht komplett die Gebärmutter verließ, so dass Mutter und Kind sofort ins Krankenhaus mussten, um Vergiftungen zu verhindern.

Enge Zusammenarbeit mit Krankenhäusern

Liceth Quiñones betont, dass die Hebammen eng mit den Ärzten und Krankenhäusern zusammenarbeiten, nicht gegen sie. "Wir kümmern uns nur um Frauen, die sich ärztlich untersuchen ließen. Und bei Komplikationen ziehen wir sofort einen Spezialisten hinzu." Gern würden die Geburtshelferinnen auch in Krankenhäusern arbeiten, das aber sieht das kolumbianische Recht nicht vor.

An formeller Ausbildung erhalten die Hebammen nicht viel mehr als einen Erste‐Hilfe‐Kurs. Was ihnen an staatlicher Unterstützung versagt bleibt, machen die Hebammen an der Pazifikküste durch Engagement wett. "Wir sind immer auf Abruf und arbeiten mit absolutem Einsatz in dem Wissen, dass keine von uns von diesem Job leben kann", so Quiñones.

Ihr Auskommen sichert die Hebamme mit einem Zentrum für Alternativmedizin. Sie hat sich zur Krankenschwester schulen lassen, musste die Ausbildung aufgrund finanzieller Probleme jedoch abbrechen. Sie arbeitete als Hebamme in Mexiko und ist in ständigem Kontakt mit Berufskolleginnen in der ganzen Welt.

Forderung nach Regulierung des Berufstandes

Die ASOPARUPA‐Hebammen sind überzeugt, dass eine natürliche Geburt das Beste für Mutter und Kind ist und auch noch Kosten spart. Sie lehnen die Schulmedizin keineswegs ab, auch wenn sie von ihr nicht respektiert werden. "Die Ärzte wollen uns nicht im Krankenhaus, aber wir arbeiten gern mit ihnen zusammen", so formuliert es Quiñones. Der Weg über ihre volle Anerkennung führt nur über ein eigenes Gesetz, das ihre berufliche Praxis definiert und reguliert. Der Senat hat einem Entwurf bereits 2009 zugestimmt. Er soll nun vom Parlament gebilligt werden.

Die traditionelle Kultur Kolumbiens kennt Hebammen seit Jahrtausenden, genau wie in den meisten anderen lateinamerikanischen Staaten, Europa und Afrika. Doch besonders in den Städten haben sich Vorurteile durchgesetzt, dass die Geburtshilfe durch traditionelle Hebammen "gefährlich und schmutzig" und lediglich als "Notlösung, wenn kein Arzt zur Verfügung steht", akzeptabel sei, sagt Quiñones. Auch werde der Beruf häufig mit Hexerei in Verbindung gebracht.

Dabei könnten Kolumbiens Frauen alle Hilfe gebrauchen: Im Jahr 2006 starben 75 pro 100.000 Müttern bei er Geburt, in den USA waren es im Vergleich 13,3 Prozent. Und selbst diese vergleichsweise niedrige Rate war noch niedriger, bevor das USamerikanische Gesundheitswesen in die Krise geriet und Hebammen weitgehend von der Schwangerschafts‐ und Geburtsbetreuung
ausschloss. 1987 lag die Rate in den USA noch bei 6,6.

Quiñones setzt nicht zuletzt auf wirtschaftliche Interessen, sollte das Gesetz verabschiedet werden. Die Hebammen hätten "bereits die komplette Infrastruktur aufgebaut und das spart viel Geld". Daher würden die staatlichen Gesundheitsdienstleister sie dann bevorzugt einsetzen, meint sie.

Autorin: Helda Martínez, deutsche Bearbeitung: Sebastian Voss, in: IPS Weltblick