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Haitianische Migranten in Grenzregion blockiert

Weder vor noch zurück: Hunderte Haitianer sind in einer brasilianischen Kleinstadt blockiert, da ihre Asylanträge nicht bearbeitet werden.

Die Folgen des Erdbebens im Januar 2010, die Cholera-Epidemie, die unmenschlichen Lebensbedingungen in den Flüchtlingscamps, die Enttäuschung über die gescheiterte Stabilisierung des Landes – es gibt viele Gründe, warum Haitianer ihre Heimat verlassen.

Doch die Nachbarländer schließen ihre Grenzen oder erschweren die Aufnahmebedingungen. Aus ihrem Land ausgereiste Haitianer befinden sich dadurch in äußerst schwierigen Situationen: Sie können nicht mehr zurück, sie kommen aber auch nicht weiter und vor allem nirgendwo an, sie leben im prekären Transit. Beispiel: Viele hundert Haitianer sind in Tabatinga, einer brasilianischen Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern, an der Grenze zu Kolumbien und Peru blockiert.

Lange und teure Reise

Die Reise von Haiti nach Brasilien ist lang und hart. Die Flüchtlinge brauchen gut einen Monat, um die tausende Kilometer im Bus zurückzulegen. Drei weitere Tage benötigen sie, um auf dem Amazonas-Fluss bis nach Tabatinga zu gelangen. Schlepper, Transport, Nahrungsmittel, Unterkunft, Zahlungsaufforderungen von Flugpersonal und Migrationsbehörden - die Reise ist auch teuer. Sie kostet zwischen 2.500 und 5.000 Dollar, viel Geld für einen Migranten. Die Haitianer verkaufen vor der Reise ihr gesamtes Hab und Gut, einige haben das Glück, von Verwandten in den USA unterstützt zu werden.

Asylmöglichkeit

Schon kurz nach dem Erdbeben kamen die ersten haitianischen Flüchtlinge nach Tabatinga, sie trafen in Kleingruppen von acht bis zehn Menschen ein. Obwohl die Haitianer nicht den 1951 von den Vereinten Nationen definierten Flüchtlingsstatus haben (da sie nicht politisch verfolgt werden), hatte die brasilianische Regierung ihnen aus humanitären Gründen zugestanden, Asyl zu beantragen. Im Laufe der ersten Jahreshälfte 2011 bestellte die Bundesmigrationspolizei von Tabatinga rund 900 Haitianer ein, um ihre Asylanträge zu prüfen. Wurden sie positiv entschieden, reisten die Flüchtlinge in die brasilianische Großstadt Manaus weiter.

Weder vor noch zurück

Doch die anfängliche Asyl-Großzügigkeit nimmt ab. Die Bundespolizei in Tabatinga lässt immer weniger Asylanträge zu und zwar mit der Begründung, dass es ihr an Personal für die Befragungen der Asylbewerber, für die Prüfung der Anträge und deren Versand zu den Bundesbehörden in die Hauptstadt Brasilia fehle. Derzeit warten gut 500 haitianische Flüchtlinge auf die Vorladung in Tabatinga.

Da sie weder weiter, noch zurück in ihre Heimat reisen können, stecken sie in Tabatinga fest. Unterdessen wird ihre Warteschlange länger und länger, da jeden Tag weitere Gruppen aus Haiti eintreffen. Aber selbst viele der Haitianer, deren Asylverfahren aufgenommen wurde, müssen in Tabatinga bleiben, da ihnen das Geld für die Weiterreise nach Manaus fehlt.

Katastrophale Verhältnisse in Tabatinga

Die haitianischen Migranten haben schnell begriffen, dass sie von Schleppern betrogen wurden, die ihnen Arbeit und Einwanderungspapiere versprochen hatten. Das Gegenteil ist der Fall. Tabatinga befindet sich in eine der am wenigsten entwickelten Regionen Brasiliens, die Arbeitslosigkeit ist weit verbreitet.

Die Haitianer suchen verzweifelt nach Arbeit, denn sie müssen ihre Unterkunft und Lebensmittel bezahlen sowie die dreitägige Schiffsreise nach Manaus. Manche haben Glück und verdienen als Gelegenheitsarbeiter oder Tagelöhner zwölf Dollar pro Tag.

Große Solidarität

Positiv ist, dass die Solidarität unter den Migranten groß ist und sie das Wenige teilen, was sie haben. Hilfe kommt auch seitens der Kirche. Ein Pfarrgemeindemitglied hat dem Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Tabatinga, dem kolumbianische Priester Gonzalo Ignacio, ein Haus zur Verfügung gestellt – zunächst für drei Monate, nun wohnen darin schon seit mehr als einem Jahr 75 Haitianer.

Padre Gonzalo sammelt in seiner Pfarrei Lebensmittel und andere notwendigen Dinge für die Migranten. Mit Benefiz-Fußballspielen und Tombolas versucht er, einen kleinen Fonds für die mittellosen Menschen zu schaffen.

Doch die Situation für die Haitianer bleibt äußerst schwierig. Jeden Morgen stehen sie vor dem Pfarrhaus, um Kaffee und Brot zu erhalten und zu erfahren, ob sie eine Vorladung bei der Polizei erhalten haben.

Tagsüber irren sie durch die heißen und staubigen Straßen Tabatingas. Die Stadt, die bloß eine Reiseetappe für sie sein sollte, wird ihnen zur Hölle. Abends können viele der Flüchtlinge nicht schlafen, sie sitzen besorgt zusammen und sprechen über ihre Situation, suchen Auswege. Sie lachen aber auch gemeinsam, spielen zur Ablenkung von all den Sorgen Domino oder hören Musik und versuchen vor allem eines: die Hoffnung nicht zu verlieren, eines Tages weiterreisen zu können.

Quelle: Infobrief des Jesuitenflüchtlingsdienst, deutsche Bearbeitung: Verena Hanf