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Haiti: Adveniat-Referentin über die Situation drei Jahre nach dem Erdbeben

400.000 Obdachlose, eine Arbeitslosenquote von 80 Prozent drei Jahre nach dem Erdbeben fällt die Bilanz für Haiti noch immer schlecht aus. Adveniat-Haiti-Referentin Margit Wichelmann berichtet im Interview über ein traumatisiertes Land, das nach Unabhängigkeit strebt, aber noch lange von internationaler Hilfe abhängig sein wird.

Frau Wichelmann, wie sieht es heute, drei Jahre nach dem Erdbeben, in Haiti aus?
Wichelmann: Leider ist es so, dass immer noch eine große Zahl der Menschen in den Lagern lebt, die nach dem Erdbeben eingerichtet worden sind. Direkt nach der Katastrophe waren es 1,5 Millionen, heute sind es knapp 400.000 Menschen. Das heißt, es hat sich schon einiges getan, aber die Menschen, die noch in den Lagern wohnen, leben in katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Und diejenigen, die die Lager verlassen haben, sind auch nicht alle in neue Häuser gezogen, sondern haben häufig Zuflucht bei Verwandten gesucht und leben dort mit vielen Menschen auf kleinstem Raum zusammen. Es fehlt auch dort in der Regel an Lebensmitteln und hygienischen Installationen.

Haiti leidet wie kaum ein anderes Land unter den Auswirkungen der Naturkatastrophen. Warum ist die Insel so anfällig für Überschwemmungen und Erdrutsche?
Wichelmann: Haiti ist ein Land, das ganz stark abgeholzt worden ist. Nur noch zwei Prozent der haitianischen Fläche sind bewaldet. Das führt dazu, dass der Boden erodiert ist und die Wassermassen, die bei Tropenstürmen oder Hurrikans vom Himmel kommen, nicht zurückgehalten werden. Hinzu kommt, dass die Menschen oft in ganz schwierigen Regionen siedeln, zum Beispiel an starken Steilhängen. Wenn es dann regnet, rutschen diese Häuser sofort ab. Da trifft es dann wieder die Ärmsten. So war es schon bei dem Erdbeben, das die Hauptstadt getroffen hat, die völlig überbevölkert ist. An jeder Ecke wurden winzige Häuser gebaut, welche überhaupt nicht den Bauvorschriften oder Erdbebennormen gehorchten. Deswegen sind damals so viele Menschen zu Tode gekommen. Ein Erdbeben allein tötet nicht. Das Problem ist die mangelhafte Bauweise und daran hat sich leider auch beim Wiederaufbau noch nicht viel getan. Ein Großteil der neugebauten Häuser wird auch beim nächsten Erdbeben wieder einstürzen.

Port-au-Prince steht meistens im Mittelpunkt der Betrachtungen, auf dem Land kommt die Hilfe aber häufig nicht an.
Wichelmann: Das Erdbeben hat die Hauptstadt und die umliegenden Regionen getroffen und daher herrschte direkt danach dort natürlich auch die größte Not. Viele Institutionen sind erst nach dem Erdbeben ins Land gekommen. Sie waren vorher nicht vor Ort und haben sich dann in oder um die Hauptstadt herum angesiedelt. Deswegen sind die Nichtregierungsorganisationen auf dem Land und in den anderen Regionen Haitis wenig präsent. Nach den Überschwemmungen haben wir viele Hilferufe aus dem südwestlichen Teil des Landes bekommen, in denen es hieß: Bei uns ist niemand. Ein Großteil der Hilfe konzentriert sich immer auf die Hauptstadt. Institutionen, wie zum Beispiel Adveniat oder andere, die schon vor dem Erdbeben im Land waren, sind auch landesweit aufgestellt. Unsere Hilfe erreicht die verschiedenen Landesteile.

Wie hilft Adveniat den Menschen in Haiti?
Wichelmann: Wir haben Projekte in ganz unterschiedlichen Bereichen. Das sind alles Projekte, die von der haitianischen Kirche an uns herangetragen werden, denn wir haben die Überzeugung, dass unsere Partner vor Ort am besten wissen, wie sie den Menschen beistehen können. Nach dem Beben haben wir gemeinsam einen Schwerpunkt auf den Bereich der Trauma-Seelsorge gelegt. Quasi jeder Haitianer hat in irgendeiner Form die Auswirkungen des Erdbebens gespürt, weil Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte verstorben oder verletzt worden sind. Im Prinzip ist es ein ganzes Volk, das zutiefst traumatisiert ist. Im Land selbst gibt es kaum Angebote, mit diesem Trauma umzugehen und das Erlebte zu verarbeiten. Die haitianische Kirche hat Personal zur Verfügung gestellt, das in diesem Bereich Fortbildungen besucht, die Adveniat wiederum finanziert. Ganz stark unterstützen wir natürlich auch den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur, der jetzt erst langsam anläuft. Gerade wird zum Beispiel ein großes Schulzentrum im Süden des Landes renoviert, sodass dort endlich der Schulunterricht wieder stattfinden kann. Bisher lernen die Schüler noch in provisorischen Schuppen.

Die Arbeitslosenrate liegt bei 80 Prozent. Diebstahl, Prostitution, Kriminalität sind an der Tagesordnung was macht die Aneinanderkettung von Katastrophen auch mit dem sozialen Leben eines Landes?
Wichelmann: Ich glaube, dass das fatale Auswirkungen hat, wenn man in einem Land lebt, wo man sich nie sicher ist, was morgen geschieht. Entweder weil eine politische Unruhe kommt oder eine Naturkatastrophe alle Pläne durchkreuzt. Wenn man nicht weiß, wie man am nächsten Tag seine Nahrung beschaffen soll, dann führt das dazu, dass man wenig Vertrauen in die Zukunft hat. Das erlebe ich ganz oft in Haiti. Es gibt kein Vertrauen in politische Institutionen, kein Vertrauen in das Rechtsgefüge oder die Polizei. Jeder regelt sein Leben für sich selbst, viele üben auch Selbstjustiz. Das ist meiner Meinung nach eine ganz starke Bremse für Projekte, die das Land insgesamt langfristig vorwärtsbringen können.

Was kann die Regierung tun, damit Haiti langfristig wieder auf die Beine kommt?
Wichelmann: Einer der Gründe, warum Haiti so ein armes Land ist und auch schon vor dem Erdbeben war, ist, dass das Land im Prinzip nie eine stabile, demokratisch ausgerichtete Regierung gehabt hat. Es hat lange Zeiten der Diktatur gegeben und lange Zeiten von politischer Instabilität. Das Wichtigste für das Land wäre jetzt, eine stabile Regierung zu haben, die nicht korrupt ist, die das Wohl des Landes im Blick hat und bereit ist mit den internationalen Institutionen zusammenzuarbeiten. Denn Haiti wird realistisch gesehen noch lange von internationaler Hilfe abhängig sein.

Das Interview führte Mareille Landau.