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Guyana übernimmt UNASUR-Präsidentschaft

Guyana hat die Präsidentschaft pro tempore der Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) übernommen. Beim Gipfeltreffens in Guyanas Hauptstadt Georgetown rückte damit das neben Surinam einzige unter den zwölf Mitgliedsländern an die Spitze des Staatenbundes, das weniger als eine Millionen Einwohner hat. Die Bevölkerungszahl des Nachbarlandes Brasilien übertrifft diejenige sowohl Guyanas als auch Surinams um das etwa 200fache.

Terra incognita
Die meisten Südamerikaner wissen nur sehr wenig über Guyana. Noch stärker trifft dies auf Französisch-Guayana zu - das letzte Land auf dem Teilkontinent, das politisch zu Europa gehört.

Guyana wurde 1966 von Großbritannien unabhängig, Surinam, welches das Guayana-Trio komplettiert, 1975 von den Niederlanden. Es vergingen also rund 150 Jahre, nachdem die ersten Republiken Lateinamerikas ausgerufen worden waren. Die alten wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen zur Kolonialmacht wirkten allerdings nach und erwiesen sich als stärker als die Kontakte zu den südamerikanischen Nachbarländern.

Was das Verhältnis Guyanas zu Venezuela betrifft, so wird dieses durch Gebietsansprüche des großen Nachbarn belastet. Auf offiziellen venezolanischen Karten ist ein großer Teil Guyanas dem eigenen Territorium hinzugefügt.

Hinduistischer Präsident

Bharrat Jagdeo, seit 1999 Präsident Guyanas, hat die Beziehungen zu Venezuela aber verbessern können. Sein Land besitzt in der Bolivarianischen Allianz für Amerika (ALBA) Beobachterstatus. Jagdeo ist als UNASUR-Präsident der erste, der Englisch spricht und aufgrund seiner indischen Abstammung Hinduist, und nicht wie in Südamerika üblich, Christ ist.

In Guyanas Hauptstadt Georgetown befindet sich der ständige Sitz der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM), die einen gemeinsamen Wirtschaftsraum aus 15 Kleinstaaten anstrebt. Präsident Jagdeo möchte eine Brücke zwischen CARICOM und UNASUR bauen. Der 46-Jährige wurde seinerzeit in der Sowjetunion ausgebildet, seine People´s Progressive Party ist die einzige in Südamerika regierende Partei, die marxistisch-leninistische Wurzeln hat. Einige Kritiker werfen Jagdeo diktatorisches Gehabe vor sowie eine Bevorzugung indischstämmiger Einwohner Guyanas gegenüber afrikanischstämmigen. Auf jeden Fall wird seine Präsidentschaft 2011 enden.

Französische Präsenz in Südamerika

Während die südamerikanischen Gipfeltreffen den Anspruch Argentiniens gegenüber Großbritannien auf die 500 Kilometer vom Festland entfernt liegenden Malvinas (Falklandinseln) zu unterstützen pflegen, wird die Präsenz Frankreichs in Französisch-Guayana nicht thematisiert. Paradoxerweise entstand die erste lateinamerikanische Republik, Haiti, im Kampf gegen Frankreich. Beobachter führen das Stillschweigen bezüglich Französisch-Guayanas auf Frankreichs wichtige Rolle als Handelspartner zurück. So wird zum Beispiel Brasiliens Aufrüstung gefördert. Frankreich hat aber auch im kolumbianischen Binnenkonflikt vermittelt. Die Bewohner von Frankreichs Überseegebieten, wie eben Französisch-Guayana, wissen die Vorteile einer Nichteigenstaatlichkeit zu schätzen: Sie können in der gesamten EU arbeiten, und ihre Länder erhalten Subventionen aus Brüssel.

Autor: Isaac Bigio, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel
Quelle: Bolpress