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Gute Nachricht für Slumbewohner

Rio de Janeiro. Der Anteil der brasilianischen Bevölkerung, die in den Armenvierteln der großen Städte lebt, ist einem neuen UN-Bericht zufolge um 16 Prozent zurückgegangen. Das südamerikanische Land selbst bezweifelt zwar die Richtigkeit dieser Angabe, bestätigt aber eine generelle Verbesserung der Lebensbedingungen in den Slums.

Jailson de Souza warnt davor, Brasiliens Favelas mit den städtischen Armensiedlungen in anderen Ländern wie etwa China über einen Kamm zu scheren. Der Gründer einer Organisation, die das Phänomen der Slums erforscht, gibt zu bedenken, dass besonders bevölkerungsreiche Stadtgebiete wie La Rocinha in Rio de Janeiro weniger mit einer Favela als mit einem Viertel der unteren Mittelschicht gemein haben. Die UN-Definition von Slums als "prekäre Stadtgebiete" ist seiner Meinung nach zu eng gefasst.

Wie aus dem UN-Bericht ´Die Lage der Weltstädte 2010/2011: Die urbane Kluft´ hervorgeht, konnten in den letzten zehn Jahren weltweit 227 Millionen Menschen ihren schwierigen Lebensbedingungen in den prekären Stadtgebieten entkommen. Dieser Erfolg ergibt sich aus Verbesserungen in den vier Bereichen sanitäre Grundversorgung, Trinkwasserversorgung, Wohnqualität und Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter.

Vorgestellt wurde der neue UN-Bericht auf dem Fünften Weltstädteforum vom 22. bis 26. März in Rio de Janeiro. Er lässt darauf schließen, dass die internationale Gemeinschaft bereits vor Ablauf der Frist eines von acht Millenniumsziele zur Armutsbekämpfung über alle Maßen erreicht hat: die Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohner bis 2020 zu verbessern. Allerdings haben Bevölkerungswachstum und Landflucht die Zahl der Slumbewohner von 776,7 Millionen auf 827,6 Millionen wieder in die Höhe getrieben.

Für Brasilien fand das UN-Siedlungsprogramm UN-HABITAT heraus, dass die Zahl der Favela-Bewohner um 10,4 Millionen Menschen zurückgegangen ist. Ausschlag gebend waren vor allem Verbesserungen im Bereich der sanitären Grundversorgung. Gleichwohl räumte die Studie ein, dass nach wie vor 54 Millionen der 192 Millionen Brasilianer in Armensiedlungen zu Hause sind.

Die Berechnungen der UN-Organisation setzten brasilianische Behörden in Erstaunen, die für Rio de Janeiro, der zweitgrößten Stadt des südamerikanischen Landes nach São Paulo eher eine Ausweitung der Armenviertel festgestellt hatten. Nach Erkenntnissen des städtischen Pereira-Passos-Instituts dehnten sich die Favelas in Rio de Janeiro zwischen 1999 und 2008 um rund drei Millionen Quadratmeter aus. Das brasilianische Statistikamt IBGE wies darauf hin, dass in einem Drittel der 5.554 brasilianischen Städte Armenviertel existieren.

Aus diesem Grund spricht de Souza lieber von einer "progressiven Verbesserung der Wohnsituation in den Slums ". Das bedeute nicht zwingend, dass die Zahl der Slumbewohner rückläufig sei, sondern positive Entwicklungen in den städtischen Strukturen der Favelas erzielt werden konnten. Die Erfolge führt der Experte auf Investitionen einzelner Regierungen, höheren Einkommen der Slumbewohner und einen Rückgang der Landflucht zurück.

Wie Marcelo Neri von der Getulio-Vargas-Stiftung auf dem Weltstädteforum in Rio de Janeiro betonte, gibt es in Brasilien eine neue Mittelklasse, die bereits 50 Prozent aller Einkommen absorbiert. 1992 habe der Anteil noch bei einem Drittel gelegen. In den Jahren 2003 und 2008 sei es 32 Millionen Menschen gelungen, die soziale Leiter höher zu klettern. 2,6 Millionen Menschen dieser Personengruppe hätten sich zu zahlungsfähigen Verbrauchern entwickelt. Nun gelte es, den Ärmsten der Armen über Kleinkredite, Mikroversicherungen und Bildungsqualität den Zugang zum Verbrauchermarkt zu erschließen.

Autorin: Fabiana Frayssinet / IPS Weltblick, Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann