|

Gute Nachricht aus Guyana

Der 45. Jahrestag der Unabhängigkeit steht im Zeichen eines unspektakulären Aufschwungs und relativer Stabilität.

Diverse Unglücksfälle, ein Totschlag, ein am Flughafen ertappter Drogenschmuggler und Satellitenbilder, die beweisen, dass der Raubbau an den Mangrovenwäldern an Guyanas Küste schneller voranschreitet als gedacht. Am 26. Mai 2011 unterscheiden sich die Schlagzeilen der „Stabroek News“, der führenden Tageszeitung Guyanas, kaum von denen der Vortage. Normalität eben. Das halbrunde Jubiläum, das Guyana an diesem Tag feiert (wenn es überhaupt feiert), 45 Jahre Unabhängigkeit, kommt bei „Stabroek News“ nicht vor. Stattdessen nichts als Alltag.

Dass der „Independence Day“ kein Aufhebens mehr von sich macht, sondern wie ein gewöhnlicher Tag daherkommt, ist durchaus ungewöhnlich. Denn jahrzehntelang pflegten die Regierungen das Abschütteln des britischen Jochs zu beschwören, um ihr Volk auf die nationale Einheit einzuschwören. Denn die Spannungen zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen drohten den jungen Staat zu zerreißen: zwischen Afroguyanern und Indoguyanern, den Nachkommen der aus Afrika verschleppten Sklaven und der Inder, die von den Briten ins Land geholt wurden, als ihnen nach der Abschaffung der Sklaverei die Arbeiter auf den Plantagen ausgingen.

Prägende Kolonialgeschichte

Die Kolonialgeschichte prägt Guyana bis heute, jenen Zipfel Karibik auf dem Festland Südamerikas, der kulturell, sozial, wirtschaftlich und politisch eine ganz andere Entwicklung nahm als die großen Nachbarn Brasilien und Venezuela. Jene Landstriche waren zu unwichtig, als dass sich Spanier oder Portugiesen die Mühe gemacht hätten, ihre Eroberung zu verteidigen. So rissen Briten, Holländer und Franzosen einzelne Küstenstreifen an sich, später auch das Hinterland: die heutigen Staaten Guyana, Surinam und als Drittes ein Stück Europa in Amerika: Guyane, das größte der französischen Départements.

Freiheit währte nicht lange

Im nach Fläche und Einwohnerzahl größten der „drei Guyanas“, wie sie einst genannt wurden, in British Guiana, hatten die Kolonialschulen eine selbstbewusste Elite hervorgebracht. Unter Führung des indischstämmigen Sozialisten Cheddi Jagan erlangte diese neue politische Klasse nach 13 Jahren begrenzter Selbstverwaltung schließlich am 26. Mai 1966 die volle Unabhängigkeit. Doch die Freiheit währte nicht lange. Linden Forbes Burnham, der Führer der Afroguyaner und erste Premierminister Guyanas, bezeichnete sich als Marxist und entpuppte sich als Tyrann. Wer sich ihm zu widersetzen wagte, wurde aus dem Weg geräumt, die Presse zensiert. Nur eine freie Stimme vermochte sich zu behaupten: der Catholic Standard, die Wochenzeitung des Bistums Georgetown. Unter abenteuerlichen Umständen wurde sie gedruckt und den Verkäufern aus den Händen gerissen. (Mehr dazu im Nachruf auf Fr. Andrew Morrison SJ, den legendären Chefredakteur des Catholic Standard, im „Blickpunkt Lateinamerika“, 2004/2.) Sein Mitbruder Fr. Bernard Darke SJ wurde am 14. Juli 1979 ermordet, als er für den Catholic Standard eine „illegale“ Demonstration fotografierte, ein Märtyrer der Glaubensfreiheit und der Pressefreiheit.

All das scheint lange her. Der Zusammenbruch des Kommunismus 1989/1990 kappte die Verbindung zwischen den guyanischen und kubanischen Diktaturen. 1992 konnten erstmals seit 1968 freie Wahlen stattfinden.

Längsten Wirtschaftsaufschwung seiner Geschichte

Seit 2005 erlebt Guyana den längsten Wirtschaftsaufschwung seiner Geschichte. Das Gute daran ist, dass das Wachstum nicht bloß den Wohlhabenden zugutekommt, sondern auch der wachsenden Mittelschicht und den Armen. Nicht, dass alles zum Besten stünde: Angesichts der Konflikte zwischen „Indian Guyanese“ und „African Guyanese“ (so die Selbstbezeichnungen beider Gruppen) bleibt die derzeitige politische Stabilität gefährdet. Drogenkriminalität und Bandenkriege belasten auch Guyana – wenn auch nicht in dem Maße wie in den lateinamerikanischen Ländern.

Dass Guyana, abgesehen von exotischen Bildern im Reiseteil weniger Zeitungen, in den deutschen Medien nicht mehr vorkommt, dass es seit einem Jahrzehnt kaum Nachrichten von dort gibt, ist eine gute Nachricht. Denn Guyana gab in seinem 45. Jahr nicht genug schlechte Nachrichten her. Und wer will schon gute lesen?

Michael Huhn