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Guatemalas unbequemster Ermittler

Scheut sich nicht vor mächtigen Feinden: Ermittler Iván Velásquez. Foto: US Embassy Guatemala (Zuschnitt), CC BY-NC-ND 2.0
Scheut sich nicht vor mächtigen Feinden: Ermittler Iván Velásquez. Foto: US Embassy Guatemala (Zuschnitt), CC BY-NC-ND 2.0

Iván Velásquez ist ein ruhiger, misstrauischer Mensch. Er spricht langsam, wählt die Worte mit Bedacht. Sein Haar ist schütter, der graue Drei-Tage-Bart lässt ihn älter wirken, und in jüngster Zeit sind seine Augen hinter der Brille müde. Kaum zu glauben, dass er der meistgefürchtete Mann in Guatemala ist: Iván der Schreckliche nennt ihn die Polit-Elite, deren mafiöse Netzwerke er seit 2013 ans Tageslicht bringt.

Velásquez hat eine herausragende Eigenschaft: Er gilt als unbestechlich. Ein Präsident stürzte bereits über seine Korruptionsermittlungen, ein zweiter, der aktuell amtierende Jimmy Morales, steht kurz davor. So etwas ist noch nie dagewesen in dem mittelamerikanischen Land und vor allem ihm zu vedanken: Dem 62-jährigen Chef der UN-Kommission gegen Straffreiheit in Guatemala (CICIG). Deshalb will ihn Morales aus dem Land werfen. Doch damit stößt der Präsident nicht nur auf Widerstand der eigenen Justiz, die ihre Freiheit, ihre Macht und ihr Prestige der CICIG verdankt, sondern auch auf den der Bevölkerung. Tausende gehen dagegen auf die Straßen und skandieren: "Iván bleibt, Jimmy geht!"

Bevölkerung zunächst enttäuscht von der CICIG

Als Velásquez 2013 sein Amt antrat, machte er daraus kein großes Aufheben. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern - darunter der spanische Staranwalt Carlos Castresana - pflegte der Kolumbianer Diskretion. Velásquez knüpfte zwar an deren Arbeit an, ermittelte gegen korrupte Polizeichefs, Richter und Drogenbosse, förderte mutige Richter und Staatsanwälte wie Claudia Paz und Jazmin Barrios, die den aufsehenerregenden Völkermordprozess gegen Exdiktator Efraín Ríos Montt leitete.

Aber die ganz großen Enthüllungen blieb die CICIG schuldig. Eine enttäuschte Gesellschaft schien ihr ebenso den Rücken zu kehren wie dem gesamten Polit-Establishment, das als durch und durch verrottet galt. Anfang 2015 stand die Verlängerung des Mandats der CICIG auf der Kippe. Die Regierung hatte kein Interesse mehr an weiteren, unangenehmen Enthüllungen, und Präsident Otto Pérez suchte nach Vorwänden, um das Mandat zu auslaufen zu lassen. Ohne den massiven Druck der US-Botschaft hätte er damit wohl auch Erfolg gehabt.

Früh nimmt Velásquez die Mächtigen ins Visier - etwa Pablo Escobar

Wenige Monate später sah es ganz anders aus. Otto Pérez landete im Gefängnis, Velásquez avancierte zum Volkshelden. Über 120.000 folgen seinem Twitter-Account, 85 Prozent der Guatemalteken vertrauen der CICIG - davon können die Politiker des mittelamerikanischen Landes nur träumen. Velásquez weiß, dass er im Kreuzfeuer steht. Doch der Jurist, geboren im Mai 1955 im kolumbianischen Bundesstaat Antioquia, ist das gewohnt. In seiner Heimat hat er sich schon öfter die Finger verbrannt.

1992 wurde er Staatsanwalt in Antioquia und war einer der ersten, der die Privilegien des inhaftierten Drogenbosses Pablo Escobar anprangerte und der Menschenrechtsverletzungen des Militärs systematisch vor Gericht brachte. Damit machte er sich mächtige Feinde. Der Geheimdienst hörte ihn ab, er erhielt Todesdrohungen, mehrere seiner Ermittler wurden umgebracht. 1999 holte ihn der Generalstaatsanwalt als Ersatzrichter ans Oberste Gericht in die Hauptstadt Bogotá.

In Kolumbien bringt Velásquez Dutzende Politiker vor Gericht

Dort begann er, die Verstrickungen zwischen den rechten Todesschwadronen mit Politikern im Dunstkreis des rechten Staatschefs Alvaro Uribe zu untersuchen. Die "Parapolitik"-Ermittlungen brachten fast ein Drittel aller Kongressabgeordneten vor Gericht und näherten sich immer mehr dem Staatschef. Der startete eine Verleumdungskampagne und versuchte, das Oberste Gericht zu entmachten. Velásquez Familie wurde ausspioniert, sogar seine Bodyguards berichteten an den Geheimdienst. Als er 2012 strafversetzt werden sollte, trat er zurück.

Human Rights Watch bedauerte den Verlust eines "Stützpfeilers der Menschenrechte". Velásquez erhielt mehrere Preise, darunter den Preis des deutschen Richterbunds, doch seine Karriere schien beendet. Über seinem Leben schwebte das Damoklesschwert der Rache derjenigen, die er hinter Gitter gebracht hatte. Seine Ernennung zum Chef der CICIG 2013 sah eher aus wie ein Trostpreis.

"Es gibt keine Erlöser in der Welt, nur kollektive Aufgaben"

In Guatemala traf er auf ähnlich mafiös-politische Netzwerke wie in seiner Heimat. In aller Stille sammelte er Beweise. Mehr als 80.000 abgehörte Telefongespräche, mehr als 5000 E-Mails wanderten in die Akten gegen Pérez. Nicht nur die Regierung zittert seither vor ihm, sondern das gesamte Establishment. Die CICIG sei politisiert und Velásquez müsse weg, erklärte Oppositionsführer Manuel Baldizón, gegen dessen Partei die CICIG ebenfalls ermittelt - wegen illegaler Wahlkampffinanzierung.

Er lasse sich nicht einschüchtern, entgegnete Velásquez. "Er hat eine Mission", sagt ein langjähriger Weggefährte, der kolumbianische Anwalt José Albeiro Yepes. "Er ist überzeugt, dass Machtmissbrauch und Korruption die Demokratie unterhöhlen." Als Velásquez neulich auf einem Forum stehende Ovationen des Publikums erhielt, twitterte er kurz darauf den Satz, mit dem der Gastredner, Uruguays Ex-Präsident José Mujica, das Forum eröffnete: "Es gibt keine Erlöser in der Welt, nur kollektive Aufgaben."

Text: Sandra Weiß, Foto: Foto: US Embassy Guatemala (Zuschnitt), CC BY-NC-ND 2.0

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