Brasilien |

Grüne Marina Silva überrascht

Entgegen der Erwartungen der meisten Experten hat es Dilma Rousseff nicht geschafft, bereits im ersten Wahlgang zur Nachfolgerin des scheidenden Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva gewählt zu werden. Die Kandidatin der regierenden Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) kam auf lediglich 46,9% der gültigen Stimmen.

So kommt es nun in vier Wochen zu einer Stichwahl mit Oppositionskandidat Jose Serra, der 32,6% erhielt. Doch die große Siegerin des Wahlabends war die Grünen-Kandidatin Marina Silva, die nun die freie Auswahl hat, wen sie am 31. Oktober unterstützen wird. Silva erreichte mit über 20 Millionen Stimmen 19,3% - ein Ergebnis, das vorher nicht für möglich gehalten wurde.

"Wir sind sehr glücklich, denn wir waren siegreich", sagte Marina Silva am Wahlabend. "Auch wenn wir es noch nicht bis in den zweiten Wahlgang geschafft haben, hat Brasilien doch eine zweite Chance bekommen, noch einmal nachzudenken." Im Laufe der letzten Wahlkampfwoche hatte die Kandidatin der PV (Partido Verde) noch einmal gut 5% zugelegt, was besonders zu Lasten von Dilma Rousseff ging, die noch vor einer Woche wie die sichere Siegerin aussah.

Doch die von der Presse in den letzten Wochen aufgedeckten Skandale der Regierung sowie das teilweise überhebliche Auftreten von Staatschef Lula, haben der PT nach Meinung von Experten noch im letzten Moment den Wahlsieg gekostet. "Als Dilma ab Ende August begann, stark in den Umfragen zuzulegen und man die Möglichkeit sah, bereits im ersten Wahlgang gewinnen zu können, hat man in ihrem Wahlkampflager die Zügel zu locker gelassen", meinte der TV-Analyst Gerson Camarotti. "Sogar Präsident Lula selbst hat seinen Diskurs geändert, hat sich von seinem eigenen Image als ´Lula, Paz e Amor - Lula, Frieden und Liebe´ abgewendet. Jener Rolle, die er im Wahlkampf 2002 geschaffen und die man für die Wahlen 2010 wieder herausgeholt hatte."

Besonders Lulas heftige Angriffe auf die Presse scheinen nach hinten losgegangen zu sein. Sichtlich geknickt trat Dilma Rousseff so am Wahlabend vor die Presse. "Ich werde diesen zweiten Wahlkampf mit sehr viel Kampfgeist und Energie angehen", so Dilma. "In diesem zweiten Wahlgang werde ich die Chance haben, meine Vorhaben und Projekte noch besser zu präsentieren, sowohl was den Kampf gegen die Armut betrifft als auch für die Entwicklung dieses Landes." Die mit ihr auf der Bühne stehenden Parteikollegen lauschten Dilmas uninspiriertem Diskurs mit Friedhofsmienen.

Präsident Lula war nicht erschienen. Am Morgen hatte er beim Verlassen des Wahllokals in seinem Wohnort Sao Bernardo do Campo bereits die Möglichkeit eines zweiten Wahlganges in Erwägung gezogen und Dilma Hoffnungen gemacht. Er selber habe 2002 und 2006 auch jeweils erst in den Stichwahlen gewonnen. Profitieren von Dilmas Einbruch und Marina Silvas überraschendem Erfolg konnte Oppositionsführer Jose Serra, dessen kraft- und ideenlose Kampagne im Vorfeld der Wahlen sogar von seinen eigenen Parteifreunden kritisiert worden war. Mit 32,6% der Stimmen erreichte Serra mehr als man ihm zugetraut hatte.

So trat Serra denn auch mit wesentlich mehr Elan vor seine Anhänger als Dilma. "Heute bin ich sehr glücklich, meine Freude ist immens, aber ich bin nicht überrascht. Denn ich wusste, dass das Volk uns diese Kraft geben würde. Hier in Sao Paulo sowie in ganz Brasilien." Man spürte bei Serras Rede die Erleichterung bei der Opposition, meinte Gerson Camarotti von TV Globo. "Dies könnte Serras Kampagne und seinen Anhängern von der PSDB noch einmal eine zweite Luft verschaffen."

Um zur 14% vor ihm liegenden Rousseff aufschließen zu können, muss Serra auf die Unterstützung durch Marina Silva hoffen. Am Wahlabend lobte er ausdrücklich die Kandidatin der Grünen Partei, die mit ihrem Nachhaltigkeits-Diskurs neue Akzente gesetzt und dadurch besonders die Jugendlichen Wähler für sich gewonnen habe.

Noch haben sich Marina Silva und die Grünen nicht entscheiden, wen sie in der Stichwahl in vier Wochen unterstützen werden. Dies soll von der Parteikuppel in den nächsten Tagen entschieden werden. Bekannt ist jedoch, dass Marina Silva eine persönliche Rechnung mit Dilma Rousseff offen hat. War sie es doch, die die damalige Umweltministerin Silva mit ihrer aggressiven Infrastrukturpolitik förmlich aus dem Kabinett gedrängt hatte.

Das für Lula und seine Regierung unbefriedigende Wahlergebnis wird noch durch Enttäuschungen bei den gleichzeitig abgehaltenen Landtagswahlen komplettiert. In einigen Schlüsselländern des Südens konnte die Opposition teilweise überraschende Siege einfahren. So stellt Jose Serras PSDB die Gouverneure in Sao Paulo und Minas Gerais, den beiden bevölkerungsreichsten Bundesländern.

Währenddessen musste Dilma Rousseff in ihren Hochburgen im Nordosten überraschend viele Stimmen an Marina Silva abgeben. Der starke Stimmenzuwachs der Grünen-Politikerin hat Präsident Lulas Strategie scheitern lassen, die Wahlen in ein Plebiszit zwischen seiner Regierung und der Vorgängerregierung von PSDB-Politiker Fernando Henrique Cardoso, unter dem Serra Minister war, zu verwandeln. Mit Marina Silva hat sich überraschend ein "Dritter Weg" aufgetan, so der Geschichtsprofessor Edgard Leite. Brasilien habe sich als eine moderne, pluralistische Demokratie gezeigt. Sehr zum Leidwesen von Lula und Dilma, die jetzt noch einmal die Ärmel hochkrempeln müssen.

Autor: Thomas Milz