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Grillen gegen die Polizeiwillkür

"Willkommen in unserem Zuhause!" Paulo Henrique begrüßt jeden Neugierigen persönlich am Eingang zu dem Gemäuer, das einst ein Haus war, jetzt aber eher einer Müllhalde gleicht, in der einige Dutzend Cracksüchtige hausen. Seit sechs Monaten lebt der 38-Jährige in "Cracolandia", einem Viertel im Zentrum Sao Paulos, das eigentlich Luz heißt, "Licht". Doch seit 20 Jahren leben hier die Süchtigen auf Straßen und in leerstehenden Häusern. Immer mal wieder versuchen die Regierenden der Stadt, das Viertel aufzumöbeln und für die kaufkräftige Oberschicht attraktiv zu machen. Ein solches Vorhaben geht derzeit vollkommen schief. Die Bilder von berittener Polizei, die halbnackte Drogensüchtige durch die Nacht jagt, haben landesweit Kopfschütteln ausgelöst.

Druck auf Dealer mit Hundertschaften der Polizei

Am 3. Januar besetzten Hundertschaften der Polizei das Viertel. Man wollte Druck auf Dealer und Süchtige ausüben: erstere dingfest machen und letztere aus der Ruhe bringen. Da man die Abhängigen weder zwangsweise einweisen noch über die Vernunft erreichen könne, müsse man ihnen die Ruhe des ungestörten Konsums nehmen, erklärt Luis Alberto Chaves de Oliveira, der Koordinator der Landesregierung für Drogenfragen, die Jagdszenen im Stadtzentrum.

Doch die Ruhe genommen hat der Einsatz eher den Regierenden selbst. Tränengas und Gummigeschosse gegen abgemagerte Gestalten, die Geistern gleich durch die Straßen des Viertels irren: Solche Bilder kommen nicht gut an. "Von hier nach dort" jage man sie des Nachts, erzählt Paulo Henrique. Dabei seien sie doch krank und bräuchten eher ärztliche Hilfe.

"Die Polizei greift die Süchtigen an, statt die Drogenhändler zu bekämpfen", kritisiert Anderson Lopes Miranda, Koordinator einer landesweit agierenden Obdachlosenorganisation. "Aber die Süchtigen sind kein Fall für die Polizei, sondern für das Gesundheitssystem und das Sozialamt." Andersons Organisation ist eine von insgesamt 43, die vor einigen Tagen zu einer Demo gegen den Polizeieinsatz aufgerufen haben. "Barbecue der etwas anderen Leute" nennt sich die Protestaktion, die im links-alternativen Umfeld bereits Tradition hat und die aus ihrer Sicht elitär-konservative Grundhaltung der Regierenden lächerlich machen will.

Barbecue als Protestaktion

Das öffentliche Grillen gilt als Verhöhnung der Oberklasse, die angeblich Angst vor Straßenhändlern, Obdachlosen, Süchtigen und den Verkäufern von Gegrilltem hat, die Sao Paulos Straßen bevölkern. Kritik äußern die Demonstranten vor allem am Fehlen eines weitreichenden Plans der Regierung Sao Paulos. "Die Polizei hier agiert ja niemals mit Plan - ihre Aufgabe ist es zu unterdrücken", bemängelt Milton Barbosa, Aktivist einer Menschenrechtsorganisation.

Die eigentlich für Februar geplante Polizeiaktion von Stadtverwaltung und Landesregierung war kurzfristig auf Anfang Januar vorgezogen worden. Vermutlich weil Staatspräsidentin Dilma Rousseff und Gesundheitsminister Alexandre Padilha am 23. Dezember bekanntgegeben hatten, im Rahmen ihres kürzlich gestarteten Anti-Crack-Programms mit lokalen Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten zu wollen. Die Landesregierung Sao Paulos sowie der Bürgermeister stehen in Opposition zu Rousseffs Regierung. Diese hatte vor einigen Monaten ein umgerechnet 1,7 Milliarden Euro teures Programm zur Bekämpfung der Crack-Epidemie ausgerufen. Anders als andere Großstädte weigert sich Sao Paulo jedoch, daran teilzunehmen.

Politisches Kalkül hinter der Aktion

Dabei verfügt die Stadt über keine gut ausgestatteten Entzugskliniken. Die 170 Süchtigen, die laut Gouverneur Geraldo Alckmin in den ersten zehn Tagen der Aktion in den Entzug eingewiesen wurden, sollen vor allem in Kliniken auf dem Land behandelt werden. Bürgermeister Gilberto Kassab versprach die Einrichtung von weiteren Entzugsplätzen, "sofern dies nötig sei". Genau wie der Gouverneur betonte auch Kassab, dass alles nach Plan verlaufe.

Dabei steckt wohl eine gehörige Portion politisches Kalkül hinter der überhasteten Aktion. Angeblich will Gesundheitsminister Padilha 2014 bei den Gouverneurswahlen antreten. Ein Versagen der derzeitigen Landesregierung in der "Cracolandia"-Frage könnte ihm Wahlkampfmunition liefern. So wie die Dinge derzeit laufen, liefern die Regierenden sie aber freiwillig.

Autor: Thomas Milz, KNA