Kolumbien |

Gräser gegen Klimagase

Auf Kolumbiens Weiden grasen etwa 24 Millionen Rinder, die durch ihren Verdauungstrakt schädliche Klimagase ausstoßen. Das südamerikanische Land hält aber zwei Trümpfe in der Hand, die eine Verringerung der Emissionen herbeiführen sollen.

So fanden Wissenschaftler heraus, dass eine chemische Substanz aus den Wurzeln des afrikanischen Weidegrases ‘Brachiaria humidicola’ bewirkt, dass das den Tieren ent weichende Lachgas nicht die Atmosphäre aufsteigen kann. Am Hauptsitz des renommierten Internationalen Zentrums für Tropische Landwirtschaft (CIAT) in der südkolumbianischen Stadt Palmira beobachten Forscher bereits seit geraumer Zeit, dass das Grasland die Nitrifikation – also die bakteriellen Oxidation von Ammoniak zu Nitrat – verhindert.

Erst in diesem Jahr konnten die Biologen die Substanzen bestimmen, die den chemischen Prozess aufhalten, und nahmen sie gemeinsam mit Kollegen vom Internationalen Forschungszentrum für Agrarwissenschaft und dem Nationalen Institut für Lebensmittelforschung in Japan in das CIAT-Programm für tropisches Tierfutter auf. Einer der Wirkstoffe wird in Böden freigesetzt, die große Mengen an Ammoniak enthalten.

In ganz Lateinamerika wachsen Weidegräser auf einer Fläche von etwa 800.000 Quadratkilometern. CIAT und seine Partner untersuchen nun, wie sie dieses Land teils als Weiden für Nutztiere und teils als Anbaugebiete für Tiernahrung nutzen können.

Wichtiger Schritt zur nachhaltigen Viehzucht

Die Grasflächen könnten also zu einem Meilenstein auf dem Weg zu einer nachhaltigen Viehzucht und einem schonenden Umgang mit der Umwelt werden, erklärte der CIAT-Experte Idupulapati Rao. Im Südosten Asiens seien bereits gute Erfahrungen auf diesem Gebiet mit Kleinvieh gemacht worden.

In den Tropen, wo es keine wechselnden Jahreszeiten gibt, gedeihen Weidegräser in warmen und gemäßigten Zonen auf Höhen von null bis 1.800 Metern über dem Meeresspiegel, wie ein Wissenschaftler erläuterte. Die widerstandsfähigen Brachiaria-Arten wachsen auch problemlos auf kargen Böden und halten Überschwemmungen und Dürreperioden stand.

Allein in Kolumbien sind zwischen 100 und 200 verschiedenen Arten bekannt. Die Gräser vermehrten sich allerdings sehr aggressiv und seien auch nicht das Lieblingsfutter der Rinder, sagte der Forscher, der ungenannt bleiben wollte. Dennoch sei die Entdeckung der Substanz in den Wurzeln ein wichtiger Schritt nach vorn.

Widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge

Der Kolumbianische Viehzüchterverband (Fedegan) bevorzugt autochthone Weideflächen. Diese Gräser seien widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge, hieß es in einer Mitteilung. Mit Brachiaria humidicola habe man keine gute Erfahrung gemacht. Bei einem Experiment stellte sich heraus, dass nur drei Prozent der Samen von ‘Brachiaria humidicola’ tatsächlich keimten. Bei fünf weiteren Futtergräsern waren es dagegen 64 Prozent.

Als Tiernahrung wird außerdem der Sumpf-Hornklee (Lotus uliginosus) genutzt, der sich nur langsam ausbreitet. Diese Pflanze verhindert im Magen eines Rindes die Bildung von Methan, einem weiteren Gas, das schädliche Auswirkungen auf das Klima hat.

Auf dieses Ergebnis kam eine Gruppe von Wissenschaftlern unter Leitung des Tiermediziners Edgar Cárdenas an der Staatlichen Universität von Kolumbien, die das Phänomen 13 Jahre lang studierten. Die Hochschule arbeitet bei der Klimaforschung unter anderem mit der Massey-Universität in Neuseeland zusammen.

“Wenn der Sumpf-Hornklee einmal Wurzeln geschlagen hat, hält er sich ewig”, erklärte Cárdenas. Eine erneute Aussaat sei nicht notwendig, man müsse lediglich von Zeit zu Zeit geringe Mengen Dünger zusetzen.

Sumpf-Hornklee wächst auch im Hochgebirge

Die zu Familie der Hülsenfrüchtler gehörende Pflanze passt sich auch der hochgelegenen und kalten Andenregion an und wächst sogar noch auf 3.000 Metern über dem Meeresspiegel. “Uruguay und Argentinien haben eine riesige Lotus-Genbank”, sagte Cárdenas, der sich auf Treibhausgase spezialisiert hat. Auch in Paraguay sind große Flächen mit Sumpf-Hornklee bedeckt. Kühe, die Sumpf-Hornklee fressen, geben etwa fünf Liter mehr Milch am Tag. Diese enthält zudem 14 Prozent mehr Eiweiß und elf Prozent mehr Fett.

Cárdenas’ Team stellte die neuen Erkenntnisse über den Sumpf-Hornklee im September der öffentlichkeit vor. Die mehr als 600 anwesenden Viehzüchter seien “erstaunt” gewesen, sagte der Wissenschaftler. Wann die Pflanze als Tierfutter eingesetzt werde, hänge nun von den Produzenten selbst ab.

Einige Züchter gaben zu bedenken, dass der Sumpf-Hornklee sechs bis neun Monate zur Reife brauche. Bei anderen Arten dauere es dagegen nur zwei bis drei Monate. Cárdenas riet den Viehhalter jedoch, nicht kurzfristig zu planen, sondern nachhaltige Perspektiven im Blick zu haben. Sumpf-Klee sei auf Dauer die kostengünstigere Alternative.

Autorin: Constanze Vieira in: IPS Weltblick