Bolivien |

Giftsuppe mit Gold-Forellen

Touristen kennen den Titicaca-See als »Urstätte der Inka«. Eine von hunderten Wissenschaftlern fertiggestellte UNEP-Studie zum dem Amazonas-Becken und Argentiniens Rio de la Plata-Becken drittgrößten Gewässersystem Südamerikas schlägt nun Alarm.

Aus den eiskalten Tiefen des Anden-Sees soll einst der erste Inka Manco Cápac emporgestiegen sein. Weniger bekannt hingegen ist die ökologische Bedeutung des hydrischen Systems Titicaca - Desaguadero- Poopó- Salar de Coipasa (TDPS). Das 143.000 Quadratkilometer große ökosystem erstreckt sich auf einer Höhe zwischen 3.600 und 6.500 Metern über ein Gebiet größer als Griechenland. Für mehr als drei Millionen Menschen in Peru und Bolivien sowie einem kleinen Teil Chiles bietet »eine der wichtigsten Wiegen der prähispanischen Kulturen« einen unverzichtbaren Lebensraum.

Alte und neue Sorgen

Extrem ist Leben und Klima auf dem Altiplano seit Jahrhunderten. Zu den in der Altiplano-Hochebene typischen Umwelteinflüssen wie verstärkte Sonneneinstrahlung, Versalzung und Degradation der Böden seien als größte Herausforderungen für die reiche aber fragil« TDPS-Region heute neue Gefährdungen ausgemacht worden. Globale Erwärmung, Verschmutzung der Wasserquellen, Bevölkerungswachstum und Verstädterung müssten genau beobachtet werden, so Margarita Astrálaga, Regionalbeauftragte vom »Umweltprogramm der Vereinten Nationen« (UNEP) im Geo-Monitoring-Report. Rasantes Wachstum der Städte, verschwenderische, weil lecke Trinkwassernetze, explodierende Müllberge und Abwasserfluten, wasserintensiver Bergbau und unkontrollierte Massenviehzucht sorgen für einen stetig wachsenden Druck auf das TDPS-System.

Müllberge unter freiem Himmel

Mit die größten Umweltsünden sind die wachsenden Müllberge. Der Abfall landet auf Halden unter freiem Himmel und hat in den wichtigsten Städten der Region zu »einem Anstieg der Umweltschäden geführt«. Im peruanischen Puno und Juliaco fallen jeden Tag 97 bzw. 150 Tonnen Müll an. Die bolivianischen Städte El Alto und Oruro produzieren pro Kopf zwar weniger Müll (0,4 Kg). Doch mit seinen über einer Million Menschen kommt die Armenstadt El Alto im Jahr auf stolze 146 Millionen Tonnen Müll.

Müll ist nicht gleich Müll. Die Hälfte ist organischer Abfall, gefolgt von Plastik, Papier, Kartons und Bauschutt. Aber auch die Landbevölkerung verursacht immer mehr Zivilisationsmüll. In Peru beträgt die Pro-Kopf-Müllproduktion zwischen 200 bis 400 Gramm, in Bolivien sind es zwischen fünf bis 26 Gramm. Direkt an den abgelegenen Ufern des Titicaca-See kommen damit bis zu 116.000 Tonnen Müll zusammen. Mangels öffentlicher Abfallsysteme werfen die Menschen Tüten und Dosen an den Straßenrand oder in Flüsse.

Umweltkiller Bergbau

Noch mehr Gefahr geht von Industrie und Bergbau aus. Zuflüsse des Titicaca- und Poopó-Sees wie der Río Suches, Río Ramis und der Río Desaguadero weisen Sulfat-Werte bis 600mg, Bor und Arsen auf, eingeführt aus Minendrainage und Mineralwäsche. Die Flüsse Río Seco und Seque sind mit Schwermetallen und Schwefel aus Industriebetrieben verunreinigt. In Reaktion mit Wasser reagiert Schwefel zu Schwefelsäure, was in Verbindung mit dem hohen Metallanteil zum toxischen »Copajira-Gemisch« wird, der gefürchteten Giftbrühe in den Minen. Feine Metallpartikel spült der Goldabbau auf peruanischer Seite in die Flüsse, in denen Nutzfische wie Forellen in ihrer Fortpflanzung gestört werden, was zu schweren Störungen des ökologischen Gleichgewichts führt.

Autor: Benjamin Beutler

Link zur UNEP-Studie: http://www.pnuma.org/deat1/pdf/Geo%20Titicaca(Web).pdf