Mexiko |

Geschäfte im Schatten des Drogenkrieges

Um Augusto Galván telefonisch zu erreichen, braucht man viel Geduld. Wenn er nicht unterwegs ist, sind die Telefone seiner mittelständischen Firma besetzt: seit Monaten brummt das Geschäft bei dem Unternehmer, dessen Fabrik im mexikanischen Bundesstaat Puebla industrielle Kühlgeräte nach Mass liefert.

„Dieses Jahr hat der Umsatz um fünf Prozent zugelegt, im kommenden rechne ich mit 15 Prozent“, so Galván. Nach der Rezession von 2008/2009 im Zuge der weltweiten Finanzkrise und der Wirtschaftskrise beim wichtigsten Handelspartner USA ist Mexiko damit wieder auf dem aufsteigenden Ast. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr dank Zuwächsen beim Tourismus und beim heimischen Konsum um 5,3 Prozent wachsen und über 700.000 Arbeitsplätze schaffen.

Für kommendes Jahr rechnen Experten mit 3,5 Prozent. Die Perspektiven sind nach Auffassung der Unternehmer gut - trotz Drogenkrieg. „Schlagzeilen und Geschäfte gehorchen einer anderen Logik“, so der Geschäftsführer der deutsch-mexikanischen Handelskammer, Johannes Hauser.

Sicherheit kostet heute mehr

„Ich habe weder Bodyguard noch ein gepanzertes Auto“, versichert Galván. Und auch Hauser, beteuert, ihm sei kein deutsches Unternehmen bekannt, das sich wegen Sicherheitsbedenken aus Mexiko zurückgezogen habe. Zwar seien die Kosten für Sicherheit gestiegen, aber dies sei kein rein mexikanisches Phänomen. „In Brasilien und anderen Schwellenländern ist die Sicherheitslage auch nicht besser.“

Bei der Frage nach den getroffenen Sicherheitsmassnahmen halten sich die meisten Firmen bedeckt. Nach Angaben von John Kewell, Vizepräsident für Sicherheit in Mexiko der Firma Control Risks, werden vor allem die Schutzmassnahmen für ausländische Geschäftsführer – also Bodyguards und gepanzerte Autos – verstärkt. Und Fracht-LKW mit satellitengesteuerten Ortungssystemen ausgestattet, um Diebstähle zu verhindern, aber auch sicherzustellen, dass der Fracht keine Drogen untergejubelt werden.

Hauser zufolge verzichten derzeit einige Unternehmen darauf, ihre Vertriebsmitarbeiter zur Kundenpflege in bestimmte Regionen des Landes zu schicken. Besonders an der Grenze ansässige Firmen sind dazu übergegangen, ihre leitenden Angestellten und deren Familien auf der US-Seite wohnen zu lassen. Ausländische Angestellte sind nach Beobachtung von Kewell allerdings kein bevorzugtes Opfer der Kriminellen. „Gut 90 Prozent aller Entführungen betreffen mexikanische Staatsangehörige“, so Kewell.

Mexiko ist für Unternehmen attrativ

Deutsche Unternehmen beurteilen Mexiko weiterhin positiv. Bei einer kürzlich durchgeführten Umfrage der Handelskammer erklärten drei von vier Managern, sie planten 2011 neue Investitionen. 85% gaben an, dass sich die Umsatz- und Geschäftsergebnisse im Vergleich zum Vorjahr verbessert hätten. Die Deutschen sind mit ihrer Auffassung nicht alleine. „Mexiko ist eines der attraktivsten Länder für ausländische Direktinvestitionen“, bekräftigt die Chefin der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika, Alicia Bárcena.

Von Januar bis September 2010 flossen 14,4 Milliarden neue Investitionen in das Land – mehr waren es auf dem Kontinent nur noch in Brasilien. Mexiko punktet aufgrund seiner Nähe zum US-Markt, den niedrigen Lohnkosten, niedrigen Steuern und den vielen Freihandelsverträgen, darunter mit Europa und den USA und Kanada. „Als Handelsplattform ist das Land konkurrenzlos, und auch der Binnenmarkt mit seiner wachsenden Mittelschicht, ist interessant“, sagt Hauser. Der Aussenhandel macht 42 Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsproduktes aus – in Brasilien sind es nur 16 Prozent.

„Die Schere zwischen den Löhnen Chinas und Mexikos habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr geschlossen, weshalb Mexiko wieder interessant sei, argumentiert ihrerseits Emily Leveille von der Unternehmensberatung „Frontier Strategy Group“. Habe ein chinesischer Arbeiter 1996 noch ein Drittel eines Mexikaners gekostet, seien es inzwischen 85 Prozent. Bárcena lobt vor allem die makroökonomische Stabilität. Die Inflation wird in diesem Jahr um die vier Prozent betragen, das Haushaltsdefizit 2,6 Prozent, das Leistungsbilanzdefizit ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Viele Firmen haben ihre Präsenz deshalb in den vergangene Monaten ausgebaut, darunter Fedex, Heineken, Wal Mart, VW und Toyota.

Das Investitionsvolumen liegt jedoch noch deutlich unter dem Niveau, das vor der Weltfinanzkrise erreicht wurde und bei rund 20 Milliarden Dollar jährlich lag. Und die nachlassende Wachstumsdynamik zeugt von den drei großen strukturellen Schwachstellen der mexikanischen Wirtschaft: Zum einen die große Abhängigkeit von der US-Konjunktur. Über 80 Prozent der mexikanischen Exporte fließen trotz Bemühungen um eine größere Diversifizierung des Außenhandels weiterhin ins Nachbarland. Zum zweiten die ausbleibenden Strukturreformen, die in einzelnen Sektoren wie Energie und Telekommunikation Quasi-Monopole aufrechterhalten und negativ zu Buche schlagen. So sind die Kommunikationskosten in Mexiko so hoch wie sonst in keinem Mitgliedsland der OECD. Und der Drogenkrieg schadet nicht nur dem Image, sondern bremst den Aufschwung, der sonst noch deutlicher ausfallen könnte.

Produktion nahe der Grenze beliebt

Zu spüren bekommen dies die Bundesstaaten an der Grenze zu den USA, in denen die Gewalt besonders ausufert. Sie sind traditionell ein bevorzugter Standort für Fertigungshallen, in denen Textilien und Elektronikgeräte für den US-Markt montiert werden, aber auch Sitz mexikanischer Grossunternehmen wie Femsa und Grupo Mexico. In sechs nördlichen Bundesstaaten gingen einer Erhebung des Wirtschaftsministeriums zufolge die Investitionen im Vergleich zum Rest des Landes um 78 Prozent zurück.

Wäre der Drogenkrieg nicht, könnte Mexiko vier Milliarden Dollar zusätzlich an Direktinvestitionen erhalten, hat J.P. Morgan errechnet. Deren Chefökonom für Mexiko, Gabriel Casillas warnt ausserdem, dass die Folgen der Drogengewalt erst mittelfristig zu Buche schlagen werden, da „Investitionen normalerweise mit langem Vorlauf geplant werden“. 55% der befragten deutschen Firmen halten die Gewalt für "relevant", auch wenn sie davon nicht unmittelbar betroffen sind. Vielmehr seien es oft Kunden oder Zulieferer, deren Betriebe direkt tangiert würden.

Ungetrübte Freude hingegen verursacht Mexiko den Portfolio-Managern. „Mexiko, nach Chile das zweite Land in Lateinamerika, das einen Investment-Grad bekam, ist dank seiner umsichtigen Wirtschaftspolitik der einzig sichere Hafen in der Region“, so Walter Molano, Chefvolkswirt der auf Lateinamerika spezialisierten Investmentbank BCP Securities. In den übrigen Ländern des Kontinents sei die Leistungsbilanz tief in den roten Zahlen. Hinzu komme die hohe Verschuldung der Privathaushalte, die in Brasilien 81 Prozent des Bruttoinlandsproduktes betrage und bereits Probleme bei einzelnen Banken wie der Panamericano verursacht habe. „Mexiko hingegen hat sich Sparhaushalte auferlegt und steht daher mit gesunden Bilanzen dar. Die Banken des Landes haben strikte Kriterien bei der Kreditvergabe angelegt und sind so gut kapitalisiert wie nur wenige sonst weltweit.“

Molano hält Mexiko daher für das Land, das am besten vorbereitet ist auf mögliche weltwirtschaftliche Turbulenzen. Auch sieht er Anzeichen für ein Nachlassen der Gewalt, die im Gegensatz zu Kolumbien nicht politisch motiviert sei. Molano vergleicht sie vielmehr mit den Mafiakriegen in Chicago der 20er Jahre: „Es sind vor allem Revierkämpfe rivalisierender Kartelle. Sobald sich der Krieg zugunsten einer Seite entscheidet, beruhigt sich die Lage wieder, wie es beispielsweise in der Stadt Tijuana passiert ist.“ Auch Kewell hat beobachtet, dass sich die Fronten ständig verschieben. Derzeit von Ciudad Juarez in den Bundesstaat Tamaulipas, dem jüngsten Schauplatz eines erbitterten Bandenkrieges um Drogenrouten. Viele Investoren hoffen nun auf die Präsidentschaftswahlen 2012. Denn der Nachfolger von Präsident Felipe Calderón wird den immer unpopuläreren Drogenkrieg vermutlich nicht zu seiner politischen Priorität erklären.

Autorin: Sandra Weiss