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Gegenseitige Atomkraftkontrollen: ein Erfolgsmodell

Vor fast zwei Jahrzehnten haben Argentinien und Brasilien ein System gegenseitiger Kontrolle eingerichtet, um sicherzustellen, dass die Kernenergie nur für zivile, friedliche Zwecke genutzt wird. Die Initiative hat sich bewährt. Experten zufolge könnte sie auf internationaler Ebene Modell stehen für Transparenz und Förderung des wechselseitigen Vertrauens auf einem hochsensiblen Gebiet.

Beispielhaft für andere Regionen

Antonio Oliveira, der argentinische Sekretär der binationalen Agentur für Kernmaterialien ABACC, ist überzeugt: "Dieses Modell, das zwischen zwei Ländern geschaffen wurde, die einst Wettbewerber bei der Kernenergie waren, könnte sich auch in anderen Teilen der Welt als sehr hilfreich erweisen – im Mittleren Osten, in Nord‐ und Südkorea, zwischen Indien und Pakistan."

Die 1991 gegründete Agentur hat bislang etwa 1.200 Inspektionen in Minen, Lagern und Kernkraftwerken in Argentinien und Brasilien durchgeführt. Allein im Jahr 2009 wurden 58 Besichtigungen brasilianischer Experten in argentinischen Anlagen gezählt, umgekehrt waren es 60.

Anfänge reichen bis Mitte der 80er Jahre zurück

Die Anfänge dieses Kontrollsystems reichen bis in die Mitte der 80er Jahre zurück, als sowohl Argentinien als auch Brasilien zur Demokratie zurückkehrten. Argentiniens damaliger Präsident Raúl Alfonsín (1983‐1989) und sein brasilianischer Amtskollege José Sarney (1985‐1990) hätten begriffen, dass beide Länder auf dem Gebiet der Kernenergie gemeinsam und in transparenter Weise voranschreiten müssten, so Oliveira.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die nukleare Entwicklung in Argentinien und Brasilien parallel verlaufen, die Atmosphäre von Misstrauen und Rivalität geprägt. Alfonsín und Sarney schufen mit der bilateralen Integration letztlich die Grundlage des 1991 konstituierten gemeinsamen Marktes MERCOSUR, dem außerdem noch Paraguay und Uruguay angehören. Venezuela befindet sich auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft.

Argentinien und Brasilien waren die beiden einzigen südamerikanischen Länder, welche den Nuklearzyklus vollständig abgeschlossen hatten – angefangen vom Uranbergbau bis zur Erzeugung von Strom durch Kernkraftwerke.

Umweltorganisationen kritisch

Umweltorganisationen leisten allerdings Widerstand gegen diese Entwicklung. Sie sei kostspielig und stecke voller Risiken. Stattdessen sollte in alternative, regenerative Energien wie Solarkraft und Windkraft investiert werden, fordern sie.

Allerdings erlebt die Kernenergie seit einigen Jahren ein Comeback, das teilweise durch den Klimawandel ausgelöst wird. Befürworter berufen sich auf einen geringen Ausstoß von Treibhausgasen, vor allem Kohlendioxid.

45 Inspektoren pro Land

Für die ABACC arbeiten 20 Beschäftigte, zwölf von ihnen sind Nuklearexperten, die übrigen in der Verwaltung tätig.

Entscheidend sind aber die etwa 45 Inspektoren, die sowohl Argentinien als auch Brasilien jeweils stellen. Diese werden entsandt, wenn Überwachungsaufgaben anstehen. Federico Merke, Professor für Theorie der Internationalen Beziehungen an der privaten ´Universidad del Salvador´ in Buenos Aires, betont, dass die gegenseitigen Inspektionen viel Vertrauen auf beiden Seiten erzeugten.

Das Prinzip könnte sich auch auf anderen sensiblen Gebieten als nützlich erweisen ‐ zum Beispiel bei Umweltkonflikten, die mehrere Länder beträfen. Zusätzlich vertrauensbildend wirkt übrigens der Umstand, dass die Internationale Atomenergie‐ Organisation mit Sitz in Wien ebenfalls ihre Inspektoren nach Argentinien und Brasilien entsendet.

Einzigartiges Kontrollsystem

Antonio Oliveira hebt die Einzigartigkeit der ABACC hervor: Auf der ganzen Welt gäbe es keine vergleichbare Kontrollagentur zwischen zwei Nachbarstaaten. Das grundsätzlich gute Verhältnis zwischen Argentinien und Brasilien wirke sich stabilisierend aus.

Auf dem letzten MERCOSUR‐Gipfel Anfang August in der nordwestargentinischen Stadt San Juan lobten Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández und ihr brasilianischer Amtskollege Luiz Inácio Lula da Silva die Fortschritte in der Kooperation beider Länder bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Sowohl Argentinien als auch Brasilien beabsichtigen, künftig einen größeren Anteil ihres Energiebedarfs als bislang mit Kernenergie zu decken.

Autorin: Marcela Valente, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel, in: IPS Weltblick