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Gegen die Tourismus-Lawine

Der Tourismus- und Entwicklungsforscher Ernest Cañada spricht sich in einem Interview mit der in Barcelona erscheinenden katalanischen Wochenzeitung “Directa“ dafür aus, dem Tourismus in Mittelamerika Einhalt zu gebieten. Dieser löse zahlreiche Konflikte aus.

Wodurch zeichnet das touristische Modell in Mittelamerika sich aus?

In Mittelamerika haben wir es mit einem Nebeneinander verschiedener touristischer Strukturen zu tun. Nach wie vor gibt es die traditionellen kleinen und mittleren Unternehmen. Aber es herrschen Großunternehmen vor, teils transnational, teils aus der Region.

Die Küsten Mittelamerikas – vor allem auf der pazifischen Seite Costa Ricas, Nicaraguas und Panamas – sowie einige Kolonialstädte wie Antigua in Guatemala ziehen Rentner aus den USA und Kanada an, sowie einkommensstarke Mittelamerikaner. Die Folge sind große Wohnsiedlungen und Hotelkomplexe internationaler Ketten, Sport-Häfen und Einkaufszentren und andere Dienstleistungen für eine betuchte Klientel.

Dazu kommen zunehmend anlegende Kreuzfahrtschiffe und Wohnimmobilienentwicklungsprojekte, die sich an der Küste ausbreiten. Zwar wurde nicht alles gebaut, was geplant wurde, aber die Bodenspekulation war oft gegenwärtig.

Welche Auswirkungen hat der Massentourismus auf die mittelamerikanischen Gesellschaften?

Die Konzentration der Entwicklung in bestimmten Gebieten hat wichtige Auswirkungen ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Natur hervorgerufen. Kleinbauern wurden Opfer von Enteignung. Der große Wasserbedarf der touristischen Komplexe konkurrierte mit den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung.

Der traditionell selbstverständliche Zugang zu bestimmten Durchgangswegen oder Küstenabschnitten wurde unmöglich gemacht. Das ländliche Küstengebiet wurde zunehmend den Interessen einer Elite unterworfen.

Die Bedürfnisse der Bevölkerung spielen bei der Entwicklung keine Rolle. Schauen wir uns die Riviera Maya in Mexiko an, ein typisches Beispiel für das Urbanisierungsmodell.

Aber es entstehen doch Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung?

Der ganze Prozess wäre natürlich nicht ohne die Mobilisierung von Arbeitskräften in einem beeindruckenden Umfang möglich gewesen. Sehr häufig griff man dabei auf Immigranten zurück. Deren Arbeitsbedingungen sind sehr unsicher, sie genießen kaum sozialen Schutz und stoßen bei ihrer gewerkschaftlichen Organisierung auf Hindernisse.

Überwiegend leben diese Menschen ohnehin in illegalen Umständen. Ein Beispiel hierfür sind die nicaraguanischen Bauarbeiter in Costa Rica. Die ungesunden Wohnverhältnisse haben bei ihnen in der Vergangenheit zu zahlreichen Erkrankungen geführt.

Welche sozialen Antworten haben die lokalen Bewohner auf das Vordringen des Tourismus gegeben?

In einigen Zonen wie in Guanacaste in Costa Rica, wo die Entwicklung touristischer Wohnprojekte weit fortgeschritten ist, gibt es viel Erfahrung mit Kampf und Widerstand. Im Allgemeinen jedoch fehlt es an einem umfassenden Verständnis des schwerwiegenden Charakters der Veränderungen, welche durch den Prozess der Umwandlung in Touristengebiete bewirkt werden.

Selbst die Bewegung für eine andere Welt, die auf anderen Gebieten wie der Rohstoffausbeutung so aktiv ist, hat sich sehr schwer damit getan, im Tourismus eine Quelle von Bedrohungen zu erkennen.

Auf der anderen Seite versteht es die Tourismusindustrie natürlich auch hervorragend, sich ein Image der Nützlichkeit für die ganze Gesellschaft zu verpassen. Widerstand ist wichtig, auch wenn die Kämpfe vielleicht verloren gehen. Gäbe es keinerlei abweichende Meinungsäußerung, so würde die touristische Lawine noch größer.

Interview: Mariona Ortiz, in Adital, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel