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Gefangen im Amazonas

Ginge es nach dem Geistlichen Miguel Piovesan - die erste Straße überhaupt zwischen der Kleinstadt Puerto Esperanza im südöstlichen Zipfel Perus und dem Rest des Landes wäre längst gebaut. Seit seiner Ankunft in der Hauptstadt von Purús, eine der vier Provinzen des entlegenen Amazonas-Departamentos Ucayali, macht sich der gebürtige Italiener für den Bau einer Asphaltverbindung durch das dichte Dickicht des Urwaldes stark. »Purús ist eine wundervolle Provinz, aber sie ist eine Enklave am dicken Bauch von Brasilien«, beschreibt Piovesan die geographische Isolation einer der ärmsten Gegenden in Peru.

»Gefängnis im Amazonas«

Wie im gesamten Amazonasgebiet – über Zweidrittel von Perus Staatsgebiet ist vom grünen Amazonasdickicht überzogen – ist die Armutsquote auch in Purús erschreckend hoch. öffentliche Fürsorge ist Fehlanzeige. Hier lebt man langsamer und stirbt schneller. Nur ein Prozent der Haushalte ist an Wasser, Hygiene und Strom angeschlossen. Wo es eine Krankenstation gibt machen fehlende Wege schon eine Durchfallerkrankung oder Infektion zur Lebensgefahr. Nur jedes zweite Kind geht zur Schule. »Es gibt keine einzige Verbindung in den Rest des Landes, nur per Flugzeug erreicht man Pucallpa, was fast 600 Kilometer weit weg liegt«. Flüge per Militärflugzeug oder kleinen Charter-Maschinen sind immer voll. Nicht jeder kommt raus, denn der Luftweg ist teuer. Das spüren die Menschen auch beim Gang zum Lebensmittelhändler. Die Preise für Zucker, Mehl, Fleisch und Reis sind um ein Vielfaches teurer als andernorts. »Das Gefängnis von Purús«, so nennen viele Bewohner ihre eingeschlossene Stadt im Dschungel.

Straße als Gefahr für Mensch und Indigene?

Doch scheint der oberste Katholik der 2000-Seelen-Stadt mit seiner Forderung nach einer Verbindung zur Außenwelt ein Sakrileg begangen zu haben. Die Strecke Puerto Esperanza - Iñapari, dessen Bau von Lima per Gesetz mittlerweile zur »öffentlichen Notwendigkeit und nationalem Interesse« erklärt wurde, würde direkt durch den »Nationalpark Alto Purús« (PNAP) und das » Gemeinschaftsreservat Purús« führen. Diese Tatsache provoziert harten Widerstand. Der Bau einer Straße, so die Gegner des Infrastrukturvorhabens, würden »das Ende« des geschützten Flecken Erde bedeuten. »Auf der Welt gibt es nur noch eine Handvoll von Orten die von so biologischer und kultureller Bedeutung sind wie Perus Alto Purús«, erklärt etwa der Direktor der US-amerikanischen Umweltschutzorganisation »Upper Amazon Conservancy«. Die Straße würde durch Holzeinschlag, Besiedlung und Drogenhandel "die Existenz des gesamten Amazonasbecken gefährden und eine der letzten isolierten Indigenen-Stämme der Welt an den Rand des Abgrundes stoßen", so die Warnung von Chris Fagan.

Entwicklung versus Schutzgebiet

Mehr Lebensqualität für Tausende von Purús-Bewohner stehen damit gegen den Schutz von Artenvielfalt und einer Handvoll Park-Indigene, von denen offiziellen Angaben zufolge rund 500 in den Tiefen des Waldes nach alter Art leben. Perus größter Nationalpark wurde 2004 per Präsidialdekret geschaffen, was Beobachter damals als internationales Prestigeprojekt der Präsidentenfamilie kritisierten. Denn unter Dach und Fach brachte das Schutzgebiet, das bis heute jeden Ausgang aus Purús versperrt, die damalige First Lady Perus Eliane Kharp, eine gebürtige Belgierin mit Anthropologie-Studium, Wirtschaftsdiplom und mehreren Briefkastenfirmen im Steuerparadies Panama. Ein Jahr später wurde die Ehefrau des marktfreundlichen Präsidenten Alejandro Toledo (2001 – 2006) und Lieblingskandidaten aus Washington postwendend mit dem Preis »Führer für einen lebendigen Planeten« des US-Naturschutzriesen WWF honoriert.

Peruanischer Staat gegen Umwelt-NGOs

Ihren Nationalpark verteidigen die gutbetuchten Naturschutzfreunde nun mit beachtlichem Aufwand. Verwaltet wird das Gebiet von der Größe Mecklenburg Vorpommerns von der staatlichen Nationalparkbehörde SERNAP. Das 2,5-Millionen-Hektar-Areal hat den Schutz von Biodiversität und indigener Gruppen, die in freiwilliger Isolation zum Rest der Welt leben, zum Ziel. Die Gelder für den Erhalt des Parkes kommen von zwei peruanischen Umwelt-Nichtregierungsorganisationen, der »Zoologischen Gesellschaft Frankfurt« (ZGF) und dem WWF. Pater Piovesan ist längst zum Feindbild der Straßenbau-Gegner mutiert. Der Pfarrer solle das Gebiet sofort verlassen, er wolle eine »Todesstraße« bauen, schlägt etwa die Indigenen-Schutzorganisation »Survival International« Alarm. Mundtot will sich der Italiener nicht machen lassen: »Der Mensch kommt vor den Schutz von Bäumen«. Die Indigenen, so sein Vorwurf, würden sich von den Geldgebern aus dem Ausland und deren Personal instrumentalisieren lassen. »Als ich neu in Purús ankam habe ich die Geschichten der NGOs noch geglaubt. Heute bin ich schockiert über deren Auftreten und Verleumdungskampagnen gegen die Straße, Regierung und meine Person«. Wie in Bolivien, wo sich Teile der Bewohner des Indigenen Naturschutzparkes TIPNIS gegen eine Verbindungsstraße wehren, wird es in den kommenden Wochen wohl auch in Peru zum Kräftemessen zwischen Regierung und NGOs kommen.

Autor: Benjamin Beutler

In der abgelegenen Purús-Provinz leben die Menschen im Dickicht des Urwalds. Foto: Flickr/Pouliquin