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Gefährliche Grenzgänger

Bogotá. Spionage, Misstrauen, blanke Angst: Die politischen Führer Kolumbiens, Ecuadors und Venezuelas haben untereinander jedwedes Vertrauen verloren. Das unkontrollierte Treiben von paramilitärischen Einheiten und marxistischen Guerillaorganisationen in den Grenzregionen könnte einen neuen militärischen Konflikt in Lateinamerika auslösen.

Auch weil die Präsidenten der drei Länder nur wenig tun, um die Situation zu deeskalieren.

Am Donnerstag machte die venezolanische Polizei ernst: Rund 90 Kolumbianer gingen den Behörden bei einer Kontrolle im Bundesstaat Barinas ins Netz. Sie hätten keine Papiere bei sich gehabt und sich somit illegal im Lande aufgehalten, erklärte General Vladimir Padrino in den Fernsehnachrichten. Die Nachricht ist brisant, denn seit Monaten tobt zwischen Kolumbien und Venezuela ein heftiger Streit über illegale Aktivitäten in der Grenzregion. Kolumbiens konservativer Regierungschef Alvaro Uribe und Venezuelas sozialistischer Staatspräsident Hugo Chávez überbieten sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Venezuela biete den linksgerichteten Guerilla-Organisationen ELN und FARC auf seinem Territorium Rückzugsmöglichkeiten, lautet der Vorwurf aus Bogota. Von dort aus könnten die Rebellen ihre Entführungen, Mordanschläge und vor allem den lukrativen Drogenhandel koordinieren.

Venezuela wiederum macht Kolumbien für das Einsickern rechter Paramilitärs auf venezolanisches Territorium verantwortlich, die gegen Bezahlung Jagd auf linke Guerillakämpfer machen und zudem die Situation im Lande destabilisieren sollen. Belastbare Beweise können beide Seiten bislang für die Vorwürfe nicht vorlegen, doch statt die Situation zu deeskalieren, sorgen öffentliche Vorverurteilungen für zusätzliche Spannungen.

Die Situation eskalierte, als im vergangenen Monat unter bislang ungeklärten Umständen eine komplette kolumbianische Hobby-Fußballmannschaft von Unbekannten im venezolanischen Bundesstaat Táchira zunächst entführt und dann hingerichtet wurde. In Rekordzeit meldeten sich alle politischen Lager zu Wort, um die jeweils Schuldigen an dem Massaker zu benennen, obwohl noch nicht einmal die Spurensicherung am Tatort abgeschlossen war. Venezolanische Medien berichteten über angebliche Spione des kolumbianischen Geheimdienstes, die vor Ort Beweise sichern wollten. Eine unabhängige Aufklärung der Hintergründe scheint angesichts der politischen Spannungen ohnehin kaum möglich.

Der Streit in der Region begann bereits vor zwei Jahren, als bei einer spektakulären kolumbianischen Militäraktion ein ranghoher FARC-Kommandant auf ecuadorianischem Gebiet getötet wurde. Die Rebellen hatten offenbar ungehindert ihr Lager unweit der kolumbianischen Grenze aufschlagen können. Der völkerrechtlich umstrittene Angriff auf das FARC-Lager hatte zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen Ecuador und Kolumbien geführt, deren Auswirkungen bis heute andauern. Venezuela solidarisierte sich daraufhin mit Ecuador und schickte symbolisch Truppen an die kolumbianische Grenze. Der neue Zwischenfall in Táchira macht erneut deutlich, wie instabil die Lage in den unübersichtlichen Grenzregionen ist.

Angst haben nun vor allem die rund 4 Millionen Kolumbianer, die in Venezuela vornehmlich in der Landwirtschaft beschäftigt sind und oft zu Dumping-Preisen auf den Feldern arbeiten. Nicht alle haben gültige Arbeitspapiere. Sie dürften die ersten Opfer der neuerlichen diplomatischen Krise werden, vor allem wenn Venezuela seine Ankündigung wahrmacht, die Grenze abriegeln zu wollen. "Kolumbien wird nie eine Berliner Mauer an der Grenze bauen, unsere Länder können nicht geteilt werden, die Menschen können nicht getrennt werden", beschwichtigte Uribe seine Landsleute vorsorglich. Die katholische Kirche ist nicht ganz so optimistisch. Sie lud in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta zu einem Friedensgottesdienst ein. Wie die Tageszeitung "El Tiempo" berichtete, wolle Bischof Jaime Prieto Amaya damit ein Zeichen des Friedens und der Ruhe in der Grenzregion setzen.

Autor: Tobias Käufer