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Gedenken, Protest und Rote Karten

Foto: Ver en vivo En Directo, CC BY-SA 2.0
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Sogar die chilenische Fußballnationalmannschaft nahm sich des Themas an: Wenige Stunden vor dem Eröffnungsspiel der Copa America zwischen Gastgeber Chile und Ecuador öffneten sich plötzlich die Türen des Mannschaftsquartiers.

Die Kicker um die Superstars Alexis Sanchez (Arsenal London) und den Ex-Leverkusener Arturo Vidal (Juventus Turin) wollten ein Zeichen der Solidarität mit den streikenden Schülern, Studenten, Lehrern und Professoren setzen. "Die Spieler denken nicht nur an sich selbst. Sie interessieren sich auch für das, was im Land vor sich geht", begründete Trainer Jorge Sampaoli die ungewöhnliche Aktion.

Egal, ob es sich nun um eine publikumswirksame PR-Maßnahme handelte oder um ehrliches Engagement für die Debatte rund um die Bildungsreform von Präsidentin Michelle Bachelet: Das Thema Bildung beherrscht derzeit die innenpolitische Debatte in Chile. Das bekam auch Bachelet zu spüren, die sich bei der Eröffnungsfeier dezent im Hintergrund hielt, um angesichts abgestürzter Umfragewerte kein Pfeifkonzert zu riskieren.

Copa América verbunden mit sozialem Engagement

Die Copa America ist die größte Fußballbühne in Lateinamerika. Das Turnier, das noch bis 4. Juli Fans von Acapulco bis Feuerland in seinen Bann ziehen wird, ist auch ein Anknüpfungspunkt für soziales Engagement. So rief etwa das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef im Vorfeld zu einer Aktion gegen Diskriminierung und zu besserer Integration von Kindern in Lateinamerika auf. Die rund 50.000 Zuschauer des Eröffnungsspiels kamen dem Aufruf nach: Statt bei der Nationalhymne Ecuadors zu pfeifen, zeigten sie den Gästen kollektiv eine "Grüne Karte" als Willkommensgruß.

 

Mit einer besonderen Geste wurde während des Eröffnungsspiels den Opfern der Militärdiktatur (1973-1990) gedacht. Ein Teil der Tribüne des Nationalstadions in der Hauptstadt Santiago blieb frei, darüber war ein beleuchtetes Spruchband zu lesen: "Ein Volk ohne Gedächtnis ist ein Volk ohne Zukunft."

Gedenken an Opfer der Militärdiktatur

Am 11. September 1973 war General Augusto Pinochet mit Hilfe eines Militärputsches gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende an die Macht gekommen. Während der Militärdiktatur wurden nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen rund 3.000 Personen ermordet und etwa 28.000 gefoltert. Öffentliche Gebäude wie Stadien, Konferenzhallen und Schulen wurden in der ersten Putschphase zu Gefangenenlagern umgerüstet. Der berühmteste Fall ist das "Estadio Nacional" (Nationalstadion), in dem mehr als 40.000 Gefangene zusammengetrieben wurden.

 

Während die Gäste aus Ecuador die Grüne Karte zu sehen bekamen, zeigte der Vatikan dem Fußballweltverband FIFA wegen des Korruptionsskandals die Rote Karte. Eine Spendenvereinbarung mit dem südamerikanischen Fußballverband CONMEBOL für die Copa America wurde gestoppt. Wie südamerikanische Medien unter Berufung auf Quellen aus dem Vatikan berichten, will das von Papst Franziskus ins Leben gerufene Bildungsprogramm "Scholas Occurrentes" erst wieder Spenden annehmen, wenn die Ermittlungen zur Aufklärung des Skandals abgeschlossen sind. Zuvor hatte in Paraguay, dem Hauptsitz von CONMEBOL, der Senat für eine Aufhebung der Immunität des Verbands gestimmt. Ein Gesetz schützte die Organisation in dem südamerikanischen Land bislang unter anderem vor Razzien durch Ermittlungsbehörden.

Rote Karte für FIFA

Eigentlich war geplant, dass das päpstliche Bildungsprogramm für jedes Tor, das die Mannschaften um Brasiliens Weltstar Neymar, Argentiniens mehrfachen Weltfußballer Lionel Messi oder Kolumbiens WM-Held James bei der Copa America erzielen, vom südamerikanischen Fußballverband 10.000 US-Dollar (Tageskurs: 9.300 Euro) erhält. Für den 2:0-Auftaktsieg Chiles gegen Ecuador wären also 20.000 US-Dollar fällig gewesen.

Quelle: KNA, Autor: Tobias Käufer, Foto: Ver en vivo En Directo, CC BY-SA 2.0