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Gebt eure Waffen ab!

Anfang April erschoss ein 23-jähriger Amokläufer in einer Schule in Ciudad Rio de Janeiro zwölf Kinder. Einen Waffenschein für die Revolver vom Kaliber 32 und 38 besaß er nicht. Eine für Juli geplante Kampagne zur freiwilligen Entwaffnung wird unter dem Schock dieses Ereignisses bereits am 6. Mai beginnen.

Am 6. Mai 2011 wird in Brasilien die Kampagne zur freiwilligen Übergabe von Waffen und Munition (Cevam) beginnen, die bis zum Ende des Jahres dauern wird. Geplant war der Start der Aktion ursprünglich für den Juli, doch nach den tragischen Ereignissen des Amoklaufs vom vergangenen April entschied man sich, bereits jetzt damit zu beginnen. Wellington Menezes de Oliveira war am 7. April mit zwei Revolvern, die er gar nicht hätte besitzen dürfen, in seine ehemalige Schule gegangen und hatte dort zwölf Kinder erschossen, bevor ein Polizist ihn tötete.

Sieben Millionen illegale Waffen - 35.000 Todesopfer

Die Kampagne wird gemeinsam vom Justizministerium, dem Netzwerk für Entwaffnung, der Vereinigung Viva Comunidad, verschiedenen Nichtregierungsorganisationen (NRO), dem Anwaltsverband Brasiliens (OAB), dem Nationalrat der Staatanwaltschaften (CNMP), Regierungsmitgliedern der Bundesregierung sowie der Bundespolizei durchgeführt, die an den Polizeidienststellen das Einsammeln der Waffen übernehmen wird. Nach Angaben von Alice Ribeiro, Koordinatorin des Referats zur Waffenkontrolle bei der NRO Sou da Paz, werden später weiter Posten bei den Polizeiwachen und Kommissariaten eingerichtet.

Nach Angaben von Sou da Paz gibt in Brasilien rund 16 Millionen Waffen, doch nur zwei Millionen davon sind im Besitz der Sicherheitskräfte. 14 Millionen Waffen befinden sich in den Händen der Bevölkerung und lediglich die Hälfte davon sei legal erworben und registriert. Die NRO beklagt, dass diese Waffen meist für Überfälle, Morde oder den Drogenhandel benutzt werden. Im vergangenen Jahr starben 35.000 Menschen im Land durch Schusswaffen - das sind durchschnittlich 95 Tote pro Tag.

Anonyme Übergabe und Entschädigung

Die meisten Morde durch Schusswaffen, so die NRO Viva Río, würden allerdings im häuslichen Umfeld begangen und ereigneten sich im Zusammenspiel mit Eifersucht und Alkohol. Deshalb sei es wichtig, Frauen für die Kampagne zu gewinnen, damit sie die Waffen ihrer Ehemänner, Brüder, Väter und Kinder übergäben, argumentiert die Organisation.

Ribeiro von Sou da Paz betont, dass die diesjährige Kampagne das Abgeben von Waffen besonders einfach machen will: Es müsse sich niemand registrieren lassen, lediglich Geschlecht und Alter würden für die Statistiken erfasst. Zudem werde sofort bei Übergabe eine Entschädigung ausbezahlt, die je nach Kaliber und weiteren Merkmalen zwischen 100 und 300 Reales betragen werde - umgerechnet sind das etwa 42 bis 128 Euro.

Waffe im eigenen Haus

“Es ist wichtig, dass sich die Menschen klar darüber werden, dass diese Waffen im eigenen Haus mehr Unsicherheit als Sicherheit bringen. Da die Übergabe anonym vonstatten gehen wird, ist es egal, woher die Waffe stammt. Wichtig ist, was mit ihr geschehen wird: Sie wird zerstört werden. Und diese Waffen werden nicht mehr für Straftaten benutzt”, unterstreicht die Koordinatorin. Dass sich die Menschen der Gefahr bewusst würden und freiwillig die Waffen abgeben, seien die Kampagnenziele, erklärt Ribeiro.

Soziale Organisationen, die zum Thema arbeiten fordern zudem, dass die Bundespolizei auch Entschädigungen für abgegebene Munition zahlen sollte. Außerdem schlagen sie vor, dass Ihnen die Erlaubnis erteilt werde, selbst im Beisein von Angehörigen der Bundespolizei Waffen einzusammeln.

Waffen und Munition sofort zerstören

Auch fordern die NROs, dass die Waffen im Moment der Übergabe zerstört würden, weil dies die Glaubwürdigkeit der Kampagne erhöhen würde. Um die Identifikation von Waffen zu erleichtern, solle zudem von den Herstellern ein Chip in die Waffen eingebaut werden, wie es derzeit schon in Kalifornien der Fall ist.

Bei einer früheren Kampagne, die von Juli 2004 bis Oktober 2005 durchgeführt worden war, wurden 500.000 Waffen übergeben. Laut einer Analyse der UNESCO habe man damit 5.000 Menschenleben gerettet, da sich die Mordrate im Jahr 2004 gegenüber dem Vorjahr um rund 15 Prozent verringert hatte.

Autorin: Camila Queiroz in Adital; Deutsche Bearbeitung: Bettina Hoyer