Bolivien |

Geächteter Inkareis der Zukunft

Höhenluft, Trockenheit und Ungeziefer, die Quinoa-Pflanzen auf dem rot-orange leuchtenden Feld nahe der Ortschaft Lia Salinas trotzen widrigstem Klima und kargen Böden. Boliviens Anden-Bauern leben in dem Flecken der Erde, der am schwersten von Erderwärmung und Klimawandel getroffen ist. Stand der Verzehr zu Kolonialzeiten unter Todesstrafe, der »Inkareis« könnte zum Lebensmittel der Zukunft werden.

Oberhalb von 4.000 Metern wachsen weder Mais noch Getreide. Bereits vor sechs Jahrtausenden begannen die Andenvölker damit, anspruchslose Pflanzen wie Quinoa und Amaranth anzubauen. Die unschlagbaren Vorzüge der Andenhirse, das mehr Eiweiß, Magnesium und Eisen enthält als Weizen oder Gerste, sollen auch heute nutzbar gemacht werden.

Kampagne für Quinoa-Konsum

Am Mittwoch hat Boliviens Regierung der »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) zum diplomatischen Stelldichein geladen. Umwerben will Víctor Vásquez, Minister für ländliche Entwicklung, Botschafter aus aller Welt. Bei einem Mittagessen sollen die verwöhnten Diplomaten-Gaumen von der Qualität bolivianischer Quinoa-Küche überzeugt werden. Doch es geht nicht nur um Sinnesfreuden. Über das Jahr ernten 70.000 Familien rund 30.000 Tonnen der mineralstoffreichen Blätter. Mit staatlicher Hilfe sind die Bauern nun auf der Suche nach neuen Absatzmärkten. Europa und neuerdings auch China stehen als aussichtsreiche Abnehmer in den Startlöchern.

Bisher wird der Löwenanteil, über 50 Prozent der Jahresernte, gen Norden in die USA geliefert. Die Nachfrage im eigenen Land ist eher schmal. Nur knapp 10.000 Tonnen landen auf den Tellern der Bolivianer. Zum Leidwesen der heimischen Quinoa-Produzenten sind Reis, Kartoffel und Mais zu Hähnchen oder Rinderschnitzel weiter die bevorzugte Beilage. Und so befördert der mangelnde Appetit der Bolivianer auf die nussigen Körner das Schmuggelgeschäft. Denn wo kein Käufer, kein Gewinn. Der Rest der Produktion, so offizielle Zahlen, wird über die Grenze nach Peru geschmuggelt. Andere Schätzungen gehen von noch mehr illegalem Handel aus. Ganze »50 Prozent der Jahresproduktion fließt nach Peru ab«, taxiert der Chef der Nationalen Vereinigung der Quinoa-Produzenten (Anapqui). Die Gründe sieht auch er in mangelnder Binnen-Nachfrage und krummen Geschäften der wichtigsten Quinoa-Händler. Francisco Figueroa, Vorsitzender der beschuldigten Händler hat eine gänzlich andere Sicht auf den Quinoa-Markt. Der Schmuggel würde zu einer Quinoa-Knappheit und starken Preisschwankungen führen.

Internationales Jahr der Quinoa

Boliviens Regierung will nun kräftig gegensteuern. Zum einen soll die Kontrolle der Grenzen durch Zoll und Armee gestärkt werden. Auch das Image des Inkareises soll aufpoliert werden. Zusammen mit Peru und Ecuador, mit Bolivien die Hauptproduzenten des uralten Nahrungsmittels, wurde bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) ein gemeinsamer Antrag eingereicht. 2013 soll nach Wunsch der Andenländer zum Internationalen Jahr der Quinoa ausgerufen werden. Dem Andenkorn könnte damit späte Wiedergutmachung wiederfahren. Im Zuge der spanischen Eroberung der »Neuen Welt« hatten die europäischen Konquistadoren den Verzehr des Grundnahrungsmittel der Inka unter Todesstrafe gestellt. Unter dem Hinweis, es handele sich um »unchristliches« Essen sollten die unterworfenen Völker geschwächt werden.

Autor: Benjamin Beutler