Honduras |

Fuüballer als Friedensstifter

Viele Honduraner hoffen, dass die Weltmeisterschaft und die gemeinsame Fußballbegeisterung dazu beitragen werden, die tiefe Spaltung im Land zu überwinden und das Bild Honduras´ im Ausland aufzupolieren.

Nur knapp schrammte Honduras an jenem Septembertag am Bürgerkrieg vorbei. Auf der kurzen Landebahn des Flughafens Toncontín in der Hauptstadt Tegucigalpa liess die Regierung des damaligen Übergangspräsidenten Roberto Micheletti Armeeflugzeuge parken. Diese verhindern, dass der knapp drei Monate zuvor unter dubiosen Umständen gestürzte und ausser Landes gebrachte Präsident Manuel Zelaya in seinem von Venezuelas Präsident Hugo Chavez bereitgestellten Privatjet eine Lücke auf der Landebahn finden könnte, um vielleicht doch noch in sein Heimatland zurückzukehren. Der waghalsige Versuch in luftiger Höhe scheiterte, rund um den Flughafen lieferten sich Zelaya-Anhänger und Gegner blutige Strassenschlachten.

Zelaya hatte gegen den Willen der verfassunggebenden Organe die Amtszeit mit Hilfe eines gesetzwidrigen Referendums verlängern wollen. Das Militär verfrachtete den Präsidenten an einem Sonntagmorgen ebenso wenig verfassungskonform noch im Pyjama in ein Flugzeug gen Costa Rica. Keine drei Wochen später, der gleiche Schauplatz. Wieder drängen Tausende Honduraner dicht an das Gelände des Flughafens, doch diesmal sind die erbitterten politischen Gegner im Freudentaumel vereint. Egal ob entschlossene Anhänger des machthungrigen Zelaya oder Unterstützer des umstrittenen Micheletti -- es scheint, als ob sich an diesem Oktobertag ganz Honduras in den Armen liegt. Dank einem Tor Carlos Pavóns hatte sich Honduras an jenem denkwürdigen 14. Oktober mit 1:0 in El Salvador durchgesetzt und sich für die WM in Südafrika qualifiziert.

Am Tag danach herrscht wieder einmal Chaos rund um den Flughafen Toncontín. Der Nationaltrainer Reinaldo Rueda und seine Stars haben Mühe, sich einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen, die Begeisterung ist kaum zu bremsen. Rueda und der Torschütze Pavón werden fast erdrückt, als sie das Flughafengelände verlassen. Freude hat die Gewalt abgelöst, Umarmungen ersetzen hasserfüllte Fausthiebe. «Ich glaube, dieser Tag hat viel dazu beigetragen, dass sich die Situation im Land wieder beruhigt hat. Die Menschen haben sich wieder miteinander gefreut, statt sich zu bekämpfen», sagt Rueda heute.

Die Kraft des Fussballs wird das auch heute noch tief gespaltene Land während der WM-Endrunde vereinen. Für ein paar Tage ist es egal, für wen das Herz politisch schlägt. In den Bars und Restaurants in San Pedro Sula oder Tegucigalpa sitzt die Nation wieder geschlossen vor den Grossbildschirmen. Mehr als 25 Jahre hat das bettelarme mittelamerikanische Land auf solche Gemeinschaftserlebnisse warten müssen. Wer in Tegucigalpa landet, realisiert schon nach wenigen Schritten im Ankunftsbereich, wie wichtig der Fussball ist. Das erste Plakat zeigt jubelnde Nationalspieler.

Viele Menschen in Honduras ärgern sich über das politische Image in der Weltpresse. «Kaum ein Journalist hat sich die Mühe gemacht, an Ort zu recherchieren», sagt Elan Reyes, der Präsident der honduranischen Journalistenschule. Die Menschen fühlen sich missverstanden. In Honduras habe eine klare Mehrheit den Kurs der Übergangsregierung Micheletti unterstützt, doch die von Venezuelas Präsident Hugo Chávez angeführte Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten habe den Willen der Honduraner ignoriert.

Bis heute ist das Land international isoliert, beim jüngsten EU-Lateinamerika-Gipfel drohten die sozialistischen Länder mit einem Boykott, sollte der inzwischen gewählte honduranische Präsident Porfirio Lobo am Treffen teilnehmen. Um den Eklat zu verhindern, verzichtete Lobo auf die Reise nach Madrid.

Jetzt hoffen die Honduraner, dass die WM das Bild des Landes aufpoliert und Honduras vielleicht sogar ein klein wenig aus der Isolation herausführt. Wenigstens ein Sieg in der Vorrunde soll her, es wäre der erste überhaupt in der Fussballgeschichte Honduras´. Reinaldo Rueda bezeichnet seine Spieler gerne als «die Brasilianer Mittelamerikas». Gelingt es ihnen, diesen Ruf zu bestätigen, wird im Juli am Flughafen Toncontín bei ihrer Rückkehr wieder die Hölle los sein.

Autor: Tobias Käufer