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Fujimori soll wegen Zwangssterilisationen vor Gericht

Weil Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori die Geburtenrate drastisch senken wollte, wurden in seiner Amtszeit systematisch Sterilisationen vorgenommen - oftmals gegen den Willen der Betroffenen.

"Ihr gebärt wie Meerschweinchen", das habe die Krankenschwester damals zu ihr gesagt. Die Peruanerin Aurelia Paccohuanca erinnert sich noch gut an diese schmerzenden Worte vor 20 Jahren.

Sie wollte sich nicht sterilisieren lassen. Die Krankenschwester aber versuchte, sie zu überzeugen. Paccohuanca hatte bereits vier Kinder. "Sie sagte zu mir, ich dürfe keine weiteren Kinder mehr kriegen." Paccohuanca lebte damals in einer ärmlichen Gegend in den Anden, unweit der Stadt Cusco.

Während der Amtszeit von Präsident Alberto Fujimori (1990-2000) wurden in Peru Tausende Menschen zeugungsunfähig gemacht, vor allem Frauen. Auf Fujimoris Initiative legalisierte die peruanische Regierung 1995 die Sterilisation bei Frauen sowie die Durchtrennung des Samenleiters bei Männern. Die Eingriffe wurden im Rahmen des "Nationalen Programms für Reproduktive Gesundheit und Familienplanung" vorgenommen. Vordergründig ging es um Geburtenkontrolle und Armutsbekämpfung. Allerdings wurden fast nur Indigene sterilisiert - und das nicht selten mit Zwang, Drohung, Täuschung und oftmals ohne Narkose.

Geburtenrückgang Bedingung der Weltbank

Paccohuanca versuchte, der Krankenschwester aus dem Weg zu gehen. Vergeblich. "Man verfolgte mich mit einem Ambulanzwagen, das Fahrzeug hielt an und die Krankenschwester und ihre Gehilfen zogen mich mit Gewalt in den Wagen hinein", erzählt die indigene Frau vom Volk der Quechua. "Sie brachten mich in eine Klinik, wo ich alle meine Kleider ausziehen musste, ich hatte Angst, fing an zu weinen." Paccohuanca wurde auf den Operationstisch gelegt und am Ende gegen ihren Willen sterilisiert.

Taten wie diese waren Teil eines größeren Plans. Fujimori wollte sein Land wirtschaftlich rasch voranbringen und hatte Kredite von der Weltbank erhalten. Diese waren an verschiedene Bedingungen geknüpft. Unter anderem an einen drastischen Rückgang der Geburtenrate. Deshalb wollte die Regierung in kurzer Zeit die Rate von 3,5 auf 2,5 Kinder pro Frau senken - anscheinend mit allen Mitteln. Krankenschwester und Ärzte sollen für jede erfolgreiche Sterilisation gar eine Prämie erhalten haben.

"Eines der schlimmsten Verbrechen auf dem amerikanischen Kontinent"

Zu Beginn befürworteten auch Feministinnen das neue Programm zur Familienplanung, weil Fujimori es als eine Kampagne für die Frau und ihre Rechte verkaufte. Eine Aktivistin erinnert sich: "Er sagte damals, die Frauen hätten das Recht, selber zu bestimmen, ob sie Kinder haben wollen oder nicht." Erwartet wurden Aufklärung zu Verhütungsmethoden, allenfalls Sterilisationen auf eigenen Wunsch. Als dann immer mehr Berichte von Opfern der Zwangssterilisation ans Tageslicht kamen, waren Frauenrechtlerinnen und Menschenrechtsorganisationen schockiert. Amnesty International bezeichnete das Programm Jahre später als eines der schlimmsten Verbrechen auf dem amerikanischen Kontinent. Das Ausmaß wurde erstmals 2002 öffentlich, als das peruanische Gesundheitsministerium einen Bericht vorlegte. Demnach wurden in den 1990er-Jahren rund 330.000 Frauen sterilisiert, 18 starben bei dem Eingriff. Zudem wurden rund 25.000 Männer einer Vasektomie unterzogen.

Mehrmals wurden in dieser Angelegenheit bereits Ermittlungsverfahren gegen Fujimori eröffnet. Sie endeten ergebnislos. Nun ist erneut eine Klage eingereicht worden: gegen den Ex-Präsidenten und gegen drei seiner damaligen Minister. "Es sind schwere Menschenrechtsverletzungen begangen worden", so die Einschätzung der Staatsanwaltschaft. Fujimori soll trotz seiner Begnadigung im Jahr 2017 vor Gericht gestellt werden.

Paccohuanca leidet noch heute unter den gesundheitlichen Folgen der Behandlung. "Hätte man mich nicht sterilisiert, hätte ich ein glückliches Leben gehabt", sagt sie. Einer der verantwortlichen Minister meint dagegen nach wie vor: "Das Programm zur Geburtenkontrolle war sehr gut für das Land."

Autorin: Camilla Landbö (KNA)

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