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Fronten zwischen Indigenen und Staat verhärtet

Temuco. Die Mapuche-Ureinwohner sind mit fast einer Million Mitglieder die größte Ethnie Chiles. Die Hälfte von ihnen lebt inzwischen in der Hauptstadt Santiago. Die Territorien ihrer Vorfahren befinden sich im Süden des Landes.

Die Siedlung Juan Catrilaf II. liegt in Padre de las Casas, einer Gemeinde in der Region Araukanien. Sie besteht aus 113 Familien, die auf einer gleich großen Anzahl von Hektar Land leben. Ein Jahrzehnt lang hatten sie mit der chilenischen Regierung über die Rückgabe von 500 Hektar Land verhandelt, die eigentlich am 5. Oktober über die Bühne gehen sollte.

Das dies nicht geschah, ist auf bürokratische Hürden zurückzuführen. 20 Tage später erschien ein Polizeitrupp in die Ortschaft, um etliche Ureinwohner mit der Begründung festzunehmen, sie seien an den Brandanschlägen auf drei Lastwagen und einen vollbesetzten Bus in der regionalen Hauptstadt im vergangenen Juli beteiligt gewesen.

Manipulationsvorwürfe

"Die Festnahme war ein abgekartetes Spiel", betonte Luisa Marilef, die Mutter des abgeführten Dorfführers Sergio Catrilaf. Polizei und Justiz hätten ihrem Sohn und anderen Ureinwohnern falsches Beweismaterial untergeschoben, um die indigene Bewegung zu schwächen und die Landvergabe zu bremsen, sagte sie kürzlich vor Journalisten.

Vom 12. bis 14. November fanden sich etliche Medienvertreter in den südchilenischen Konfliktregionen Araukanien und Bío-Bío ein und besuchten neben der indigenen Siedlung ein Krankenhaus und drei Gefängnisse, in denen etliche Ureinwohner auf der Grundlage eines umstrittenen Anti-Terror-Gesetzes aus Diktaturzeiten einsitzen.

Präsidialamtsminister José Antonio Viera-Gallo, der zudem für die Koordinierung indigener Angelegenheiten zuständig ist, hält es nicht für nötig, in den jüngsten Konflikt einzugreifen. Er ließ verlauten, dass er nichts unternehmen werde, solange es keine Beweise für die Vorwürfe der Indigenen gebe.

Tief verwurzeltes Misstrauen

Ureinwohner und Sicherheitskräfte werfen sich wechselseitig vor, die jeweils andere Seite in Verruf zu bringen. Die Mapuche beschuldigen die Sicherheitskräfte, mit exzessiver Gewalt gegen Demonstranten aus ihren Reihen vorzugehen.

Der Vorwurf ist nicht unberechtigt, wie unabhängige Stellen bestätigen. So berichtete die Bürgerbeobachtungsstelle, eine lokale Nichtregierungsorganisation, dass im Juli aus Hubschraubern Tränengas, Gummigeschosse und Schrotkugeln auf indigene Demonstranten abgegeben wurden.

Im vergangenen Monat berichtete die Internationale Liga für Menschenrechte (FIDH), die chilenische Polizei habe aus ungeklärten Gründen Tränengasbomben in ein Schulgebäude geworfen und wild um sich geschossen. Mehrere Schüler seien dabei verletzt worden.

Im Oktober wandten sich Mapuche an Gary Stahl vom Weltkinderhilfswerk UNICEF, um Hilfe zum Schutz ihrer Kinder zu erwirken. Sie berichteten von dem Fall eines 14-Jährigen, dem man gedroht habe, ihn aus einem Polizeihubschrauber abzuwerfen, um ihm Informationen abzupressen. Ein 17-Jähriger sei am 20. Oktober von Polizisten angeschossen worden. Stahl räumte ein, dass vieles darauf hindeute, dass die chilenische Polizei die UN-Kinderrechtskonvention verletzt habe. Allerdings wies er darauf hin, dass es an unabhängigen Aussagen über die Geschehnisse fehle und er somit keine Handhabe habe, um in den genannten Fällen aktiv zu werden.

Die Sicherheitskräfte wiederum beschuldigen die Ureinwohner, ihre Landforderungen mit Sabotageakte und Anschlägen zu unterstreichen. Rückendeckung erhielten sie unlängst von ´Amnesty International´. die die Angriffe auf den Bus und die drei Lastwagen am 28. Juli als "inakzeptabel" verurteilt hatten. Angelastet werden die Übergriffe, die zur Verhaftung von Sergio Catrilaf und mehreren Nachbarn führten, der radikalen Mapuche- Organisation Araukanische Koordinationsstelle Malleco (CAM).

Kritik an Regierung

Allerdings gab die Gefangenenhilfsorganisation auch der Bachelet-Administration eine Mitschuld am Wiederaufflammen der Gewalt im Süden des Landes. Sie warf Santiago vor, zu langsam und unangemessen auf die Forderungen der Ureinwohner und auf die negativen Folgen der Bergbau- und Holzindustrie zu reagieren.

Tatsächlich waren Anfang Juli rund 100 Mapuche-Aktivisten in die 680 Kilometer entfernte Hauptstadt Santiago gereist, um mit der Staatspräsidentin über ihre territorialen Ansprüche zu verhandeln. Als sie nicht empfangen wurden, kündigten sie in einem Brief an, ihre Protestaktionen nach mehrjähriger Pause wieder aufzunehmen.

Am 23. Juli begannen Mapuche-Aktivisten mit der Besetzung etlicher Grundstücke. Bei Versuchen, die Ureinwohner zu vertreiben, kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei. Am 30. Juli nahm die Militärpolizei 16 indigene Schüler der Alonso de Ercilla-Oberschule fest. Etwa zeitgleich kündigte ein diffuses paramilitärisches ´Kommando Hernán Trizano´ an, Mapuche-Chiefs (´Lncos´) mit Dynamit in die Luft zu sprengen.

Wie José Aylwin von der Beobachtungsstelle für das Recht indigener Völker, betonte, führt Gewalt zu Gegengewalt. "Wir haben es hier mit einer historischen Schuld zu tun, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat. Damals wurden die Mapuche vom Staat ihrer Ländereien beraubt. Heute machen sich private Forst- und Bergbauprojekte auf den Territorien breit."

Autorin: Daniela Estrada, übersetzt von Karina Böckmann (IPS Weltblick)