El Salvador |

Friedensverhandlungen als Exportschlager

Die Mordraten sinken, die Hoffnung steigt, das Interesse wächst: Der von der katholischen Kirche in El Salvador vermittelte Waffenstillstand zwischen den verfeindeten Jugendgangs in dem bettelarmen südamerikanischen Land weckt das Interesse der Nachbarn. Der Oberhirte der Hauptstadtdiözese San Salvador, Erzbischof Jose Luis Escobar, freut sich über so viel Aufmerksamkeit aus Honduras, Guatemala oder den USA. "Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen zu teilen", erklärte er kürzlich.

Seit einigen Wochen verfolgt El Salvador sehr aufmerksam das Experiment, das im März begann. Zwei der führenden kriminellen Jugendbanden El Salvadors, die "Mara Salvatrucha 13" und "Mara18" haben auf Vermittlung der katholischen Kirche beschlossen, die Waffen nicht mehr gegeneinander zu richten. Militärbischof Fabio Colindres Abarca unterstrich damals die Bedeutung des Abkommens: "Die Zeit war reif für eine solche Verständigung."

Zuvor hatten Vertreter der katholischen Kirche zwischen den beiden Jugendbanden vermittelt. Unterstützt wurden die Gespräche von Justizminister David Munguia Payes. Die Regierung stimmte nach langem Zögern auch einer Verlegung von prominenten Mara-Häftlingen in andere Gefängnisse zu. Ein symbolischer Handschlag zwischen Dionisio Umanzor, Chef der berüchtigten Mara-Bande "MS 13", und den Spitzen der salvadorianischen Kirche besiegelte dann vor einigen Wochen in einem Gefängnis den Neuanfang.

Unter dem Begriff Mara wird eine Vielzahl von Banden zusammengefasst, die in Nord- und Mittelamerika agieren. El Salvador gilt als Ursprungsland der Bewegung. Die Mitglieder sind zumeist durch eine Tätowierung wie "M", "MS" oder die "13" erkennbar, die auf die Zugehörigkeit zu den einzelnen Mara-Gruppen hinweist.

Allein in El Salvador gibt es nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bis zu 100.000 Mitglieder dieser gewaltbereiten Gangs, die durch Drogenhandel, Schutzgelderpressung oder Prostitution ihre Einnahmen generieren. Das hat Konsequenzen: El Salvador gilt wegen seiner Mordrate von 62 Morden auf 100.000 Einwohner als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Laut UN-Angaben werden täglich zwölf Menschen umgebracht.

Mordraten halbiert

Die ersten Ergebnisse der Verhandlungen können sich sehen lassen. Bereits im ersten Monat hat sich die Zahl der Morde in El Salvador nahezu halbiert, berichten El Salvadors Medien. Im Ausland wird die Entwicklung ebenfalls verfolgt: Denn auch in den mittelamerikanischen Nachbarländern El Salvadors oder in den Latino-Ghettos der US-Millionenstädte haben sich längst kriminelle Mara-Banden etabliert.

Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, der Chilene Jose Miguel Insulza, wollte es genauer wissen und lud Militärbischof Fabio Colindres zu einem Hintergrundgespräch ein. Maria Otero, stellvertretende US-Staatssekretärin, nennt die Entwicklung "interessant".

San Salvadors Erzbischof Jose Luis Escobar überrascht das Interesse nicht. Beim Treffen der mittelamerikanischen Bischöfe in Panama im November soll die Sache offiziell auf die Tagesordnung kommen: "Ich bin sicher, dass wir über das Thema sprechen werden, denn es berührt nicht nur spirituelle und kirchliche, sondern auch soziale Bereiche."

Die Meinung der Politiker in El Salvador ist derweil gespalten, nicht alle begrüßen die Verhandlungen mit den kriminellen Banden. Präsident Mauricio Funes will den Weg jedoch weitergehen. Raul Mijango, ehemaliger Guerillakommandant und Ex-Abgeordneter der linksgerichteten Regierungspartei FMLM, der an dem Zustandekommen der Gespräche mitgewirkt hatte, macht sich und den Mara-Banden Mut: "El Salvador ist begeistert von diesem Prozess, der begonnen hat. Die ganze Welt erwartet, dass dieser Weg weitergeht. Wir alle haben das Recht, glücklich zu sein."

Quelle: Tobias Käufer, KNA