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Freispruch für 'Andenschlächter'

Das Gerichtsverfahren sollte einen Präzedenzfall schaffen, so erdrückend war die Beweislast gegen die Militärs, die vor 24 Jahren zwölf Bewohner der Andendörfer Pomatambo und Parcco Alto im südostperuanischen Departement Ayacucho hingerichtet haben sollen. Dennoch wurden sie von den zuständigen Richtern am 22. November freigesprochen.

Die unerwartete Wende im Prozess gegen Carlos Armando Bardales, Miguel Becerra, Eduardo Estela, Jesús Dante und Agustín Tuya löste bei den Opferfamilien und deren Anwälten Empörung aus. Da sie den Richterspruch nicht anerkennen wollen, reichten sie einen Tag nach der Urteilsverkündung eine Wiederaufnahmeklage vor dem Obersten Gerichtshof des Landes ein.

Die Entscheidung der Richter der Strafkammer für Menschenrechte, Ricardo Brousett, Clotilde Cavero und Jimena Cayo, geißelte der Verteidiger Gustavo Campos von der unabhängigen peruanischen Menschenrechtskommission als "Politik der Verdunkelung und Straflosigkeit".

Die Staatsanwaltschaft hatte allen Angeklagten mit Ausnahme Bardales vorgeworfen, an der Ermordung und anschließenden Verbrennung von Zivilisten, darunter zwei Kindern und zwei Menschen über 80, direkt beteiligt gewesen zu sein. Sie forderte für alle Angeklagten 20 Jahre Gefängnis.

Bardales war zum Zeitpunkt der Verbrechen Leiter des für die Regionen zuständigen Militärpostens ´Comando Cangallo´ gewesen. Verschiedene Unterlagen belegen, dass er die Morde befohlen hatte. Verübt wurden sie am 22. und 23. Oktober 1986 während der ersten Regierungszeit von Staatspräsident Alan García (1985-1990). Damals durchkämmten die Militärpatrouillen ´Bayer´ und ´Búfalo´ die Dörfer Pomatambo und Parcco Alto in Ayacucho nach mutmaßlichen Mitgliedern der Rebellenorganisation Leuchtender Pfad.

Greise und Kinder ermordet

In Pomatambo nahmen die Soldaten eine Frau und sechs Männer fest, die sich zusammengefunden hatten, um eine Sportveranstaltung zu organisieren. Sie wurden zur nahe gelegenen Ortschaft Parcco Alto verbracht und dort zusammen mit fünf Mitgliedern einer Familie hingerichtet: mit dem 86-jährigen Donato Ramírez, seiner 80-jährigen Frau Hilda Buitrón, dem gemeinsamen Sohn Reynaldo Ramírez und den beiden Enkelkindern Mario und Eugenia, die acht und zwölf Jahre alt waren.

"Sie brachten sie nacheinander um und verbrannten die Leichen", berichtete der Augezeuge Dante Ramírez, der als Vierjähriger mit ansah, wie seine Familie ausgerottet wurde. Dass ihm dieses Schicksal erspart blieb, verdankt er einem Militär, der das Kind im Anschluss an das Massaker in Sicherheit brachte.

Perus Wahrheits- und Versöhnungskommission untersuchte von 2001 bis 2003 die Menschenrechtsverletzungen, die während des Bürgerkriegs von 1980 bis 2000 begangen worden waren. Sie brachte den Fall vor die Staatsanwaltschaft von Ayacucho, die eine Aufnahme der Untersuchungen und des Gerichtsverfahren gegen die mutmaßlichen Täter veranlasste.

Die Beweise gegen Bardales sind zahlreich. So enthielt der Operationsplan ´Despedida 2´ die Order für die Patrouillen ("Zerstören und Fangen"), Details über die Routen der Militärs und die Zeit, die ihnen für ihre Operationen zur Verfügung stand. In einem nach den Hinrichtungen eigens von Bardales verfassten Bericht 025/CBA über die Hinrichtungen hielt der Kommandant die Route fest. Sowohl Pomatambo als auch Parcco Alto lagen auf der Strecke.

Zahlreiche Beweismittel

Der Strafkammer für Menschenrechtsverletzungen lagen auch Radiogramme und Mitteilungen über die Dauer der Militäroperationen vor. Zudem hatten Soldaten bestätigt, dass Bardales die Einsätze befohlen hatte. Immerhin räumte das Tribunal ein, dass die Opfer nicht, wie vom Militär behauptet, Mitglieder des Leuchtenden Pfades waren und bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben kamen, sondern durch Gewaltexzesse der Patrouillenmitglieder. Außerdem ordnete es die Übergabe der Leichen an die Angehörigen an und forderte die Staatsanwaltschaft von Ayacucho auf, die Untersuchungen auf alle Soldaten auszudehnen, die den Patrouillen angehörten.

Die Anwältin Gloria Cano von der Vereinigung für Menschenrechte unterstellte dem Tribunal die Absicht, Bardales freizubekommen. Sie wies darauf hin, dass die gleiche Strafkammer im Zusammenhang mit Fällen von Verschwindenlassen im Jahre 1986 in einer anderen Ortschaft von Ayacucho Bardales freigesprochen habe. Ayacucho war das Epizentrum des Kriegs gegen die Guerilla. Laut der Wahrheits- und Versöhnungskommission wurden hier 47 Prozent aller 69.280 Kriegsopfer getötet.

Parcco-Pomatambo kommt, was die Menschenrechtsverletzungen in Peru angeht, eine Schlüsselrolle zu, da das ganze Ausmaß der Verbrechen in kürzester Zeit und nachweislich an die öffentlichkeit gelangte. "In diesem Fall lagen alle nötigen Beweise vor, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Dass es zu den Freisprüchen kam, lässt nichts Gutes für die künftigen Gerichtsverfahren erwarten", sagte Cano.

Autor: Milagros Salazar in: IPS Weltblick