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Freihandelsvertrag soll Kolumbien salonfähig machen

Bogotá. Er wird Präsident Alvaro Uribes größter außenpolitischer Triumph sein, der Freihandelsvertrag, den Kolumbien am Mittwoch auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel in Madrid unterzeichnen wird. Mit dem Abkommen wird das Andenland wieder salonfähig auf der internationalen Bühne, hofft Uribe, der schon ein ähnliches Abkommen mit den USA ausgehandelt hatte. Dessen Ratifizierung war jedoch zu seiner Enttäuschung am Widerstand des US-Kongresses gescheitert. Mit dem Image hat das Bürgerkriegsland aber noch so seine Schwierigkeiten – anhaltende Menschenrechtsverletzungen waren einer der Gründe für die Ablehnung der US-Parlamentarier - und auch europäische Kritiker fürchten durch das Abkommen mit der EU mehr gewaltsame Vertreibungen, schlechtere Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörung. Doch die europäischen Unternehmer haben das Potenzial Kolumbiens längst entdeckt. Seit 2002 haben sich die ausländischen Direktinvestitionen vervierfacht, die Exporte sind um 175 Prozent gestiegen. Die Weltbank hält das Investitionsklima in Kolumbien für eines der besten auf dem Subkontinent, und die nationale Fluglinie Avianca gehört nach einer Rundumsanierung zu den profitabelsten Lateinamerikas.

“Die Rahmendaten sind gut, die Inflation ist gering, der Finanzrahmen ist stabil, der Haushalt unter Kontrolle “, so Julián Cárdenas von der Investmentfirma „Corredores Asociados“. Deshalb erwartet er in diesem Jahr ein Wachstum von 2,5 Prozent und einen Sprung bei den Auslandsinvestitionen. Nicht nur wegen des Freihandelsabkommens mit der EU, sondern auch, weil Kolumbien viel zu bieten habe: etwa im Bergbau, in der Landwirtschaft oder im Energie- und Infrastrukturbereich.

„Kolumbien ist besser als sein Ruf. Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert“, sagt Heinz Consul von Siemens. Unter Uribe haben nicht nur die Terroranschläge und die Straßensperren der Guerilla ein Ende gefunden, auch Entführungen und Schutzgelderpressungen sind deutlich zurückgegangen. Auch World Economic Forum-Gründer Klaus Schwab, der vor ein paar Wochen zum Latino-Forum in die kolumbianische Hafenstadt Cartagena gereist war, war voll des Lobes: „Kolumbien ist eine international noch viel zu wenig gewürdigte Erfolgsgeschichte“, sagte er.

Siemens gehört zu den Firmen, die auf Kolumbien setzen. Dieser Tage wurde außerhalb der Hauptstadt Bogotá für 70 Millionen Euro eine nagelneue Fabrik für Transformatoren, Hörgeräte und Schaltkreise in Betrieb genommen. 1200 Menschen sind dort beschäftigt, 80 Prozent der Produkte werden in 18 Länder Amerikas exportiert. „Wir hatten hier früher schon mehrere kleine Fabriken und daher Arbeiter mit dem nötigen Know-how“, begründet Consul die Entscheidung. „Und Kolumbien bietet den Vorteil des Zugangs zu zwei Weltmeeren, Rechtssicherheit sowie attraktive steuerliche Konditionen. Wenn die Fabrik voll hochgelaufen ist, werden wir sogar mit China konkurrieren können“, so der Manager.

BMW und Audi haben gerade neue Verkaufszentren eröffnet, Pelikan den lokalen Hersteller Indistri aufgekauft. Lufthansa will ab Oktober ihre Direktflüge nach Bogotá wieder aufnehmen. Die Reederei Hamburg Süd hat 2009 ein Büro eröffnet und sieht nach den Worten des Vizepräsidenten für Mittelamerika und Karibik, Matthias Dietrich, „die wirtschaftliche Entwicklung sehr positiv.“ Der Hafen von Cartagena avancierte 2009 laut Latin Finance zum fünftgrößten Containerumschlagplatz in Lateinamerika und schlug 16,7 Prozent mehr Waren um als im Jahr zuvor – ein Rekordzuwachs in Lateinamerika.

Nicht nur die Industrie setzt auf Kolumbien, auch der Tourismus hat angezogen. Die Regierung hat auf Messen und per Internet eine große Kampagne gestartet, um Besucher mit Slogans wie „Das Risiko ist, dass du bleiben willst“, ins Land zu holen. „Ich habe Zuwachsraten von fünf Prozent jährlich“, erklärt Reisebüroinhaber Torsten Crempin, der seit 15 Jahren für Veranstalter wie Studiosos und Hauser Touren durch das Andenland anbietet. Insgesamt sind die Besucherzahlen seit 2002 um 145 Prozent gestiegen. Kolumbien, so schwärmt er, biete einige der schönsten und unberührtesten Landschaften, eine serviceorientierte Bevölkerung, alle Klimazonen, archäologische Stätten und koloniale Kleinode.“ Das bestätigt Thomas Voigt, Vorsitzender der deutsch-kolumbianischen Handelskammer. Er sieht Kolumbien mittelfristig als beliebtes Reiseziel, gerade auch für den anspruchsvollen deutschen Urlauber. „Das hat unter anderem damit zu tun, dass sich andere Ziele wie die Dominikanische Republik, Costa Rica und Kuba irgendwann tot laufen“, sagt der Wirtschaftsexperte.

Großer Nachholbedarf besteht nach einhelliger Auffassung jedoch bei der Infrastruktur. „Kolumbien hat eine schwierige, bergige Geographie, ein wenig entwickeltes Straßennetz, keine Eisenbahn und wenig schiffbare Flüsse“, so Dietrich. Die Firmen verfolgen daher mit Interesse Projekte wie den Neubau des Flughafens von Bogotá und das Binnenschifffahrtsprojekt entlang des Magdalena-Flusses.

Autorin: Sandra Weiss