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Filmrezension: "Marighella" - Repression und Gegengewalt

Wagner Mouras Spielfilm über den brasilianischen Stadtguerillero Carlos Marighella feierte bei der Berlinale Premiere

Seu Jorge als Carlos Marighella (Copyright: O2 Filmes)

Auf dem Land und in der Stadt müsse die Guerilla auf drei Gebieten aktiv sein, heißt es in einer deutschen Übersetzung des brasilianischen „Minihandbuchs des Stadtguerilleros“ von 1969: an der „Guerillafront“, der „Massenfront“ und im „Unterstützungsnetz“. Im Kampf gegen die Militärs Angst und Schrecken zu verbreiten, sei dabei völlig legitim – als Ziele des Terrors werden Flugzeuge und Häfen ebenso genannt wie Krankenhäuser und Polizeistationen. Carlos Marighella war der Verfasser des „Mini-Manual do Guerrilheiro Urbano“, das in seiner deutschen Version auch zur Pflichtlektüre der Roten Armee Fraktion wurde. In Anlehnung an Che Guevara wollte der brasilianische Politiker und Theoretiker die Revolution mit praktischen Handlungsanweisungen vom Land in die Stadt tragen, nachdem sich die Militärs mit Unterstützung der USA 1964 an die Macht geputscht hatten.

Wagner Mouras Spielfilm „Marighella“, der am Freitag bei der Berlinale außer Konkurrenz im Wettbewerb seine Weltpremiere feierte, konzentriert sich auf die letzten Lebensjahre des 1911 in Salvador de Bahia als Sohn eines italienischstämmigen Arbeiters und einer Afrobrasilianerin geborenen Marighella – jene Zeit, in der der langjährige Funktionär der Kommunistischen Partei Brasiliens (PCB) vom Untergrund aus agierte; im September 1968 gründete er die „Ação Libertadora Nacional“ (ALN), Brasiliens größte Stadtguerilla.

Klare Rollenverteilung

Mit dem Sänger Seu Jorge in der Rolle Marighellas inszeniert Moura die unweigerlich auf ein tragisches Ende zulaufende Geschichte – in langen 155 Minuten – allerdings ziemlich plakativ und pathetisch. Die Rollen von Gut und Böse sind klar verteilt: Auf der einen Seite die für ihre Mission von einer besseren Gesellschaft ihr Leben auf Spiel setzenden Guerilleros, auf der anderen böse US-Amerikaner und der fiese Polizist Lúcio (Bruno Gagliasso) als Gegenspieler Marighellas. Platz für Zwischentöne gibt es da kaum. Über den ambivalenten Marighella und seinen Werdegang – bereits 30 Jahre vor der Militärdiktatur war er das erste Mal länger inhaftiert und gefoltert worden – erfährt man wenig. Auch die Frage von Sinn und Legitimität der linken Gegengewalt wird kaum thematisiert, dafür die Folter des staatlichen Repressionsapparats ausgeweidet. Diese expliziten Gewaltszenen sind oft nur schwer auszuhalten, und es fragt sich, ob solch vermeintlich authentische Darstellung in diesem Maße nötig gewesen wäre.

„Marighella“ ist die erste Regiearbeit Wagner Mouras. In Brasilien gehört er zu den populärsten Schauspielern seit er 2007 beim späteren Berlinale-Gewinner „Tropa de Elite“ die Rolle des Capitão Nascimentos übernommen hatte – des Führers der BOPE-Eliteeinheit der Militärpolizei Rio de Janeiros, der so kompromisslos wie jenseits der Legalität gegen „Drogenbanden“ vorgeht (weshalb die Rechte in Brasilien den Capitão oft als Beispiel anführt, wie man mit Kriminellen umgehen sollte). Der bekennende Linke Moura betont, er habe „Marighella“ ganz bewusst als actiongeladenes Drama verfilmt, weil er ein möglichst großes Publikum erreichen wolle.

Deutsche Kritiker nicht begeistert

Bei der deutschen Kritik stößt diese Herangehensweise jedoch überwiegend auf Unverständnis. Thierry Chervel schreibt zum Beispiel auf perlentaucher.de, dass es ein „bedenkliches Licht“ auf den Zustand der brasilianischen Linke werfe, wenn diese glaube, „dem Finsterling Bolsonaro mit einem derart erbaulichen Quatsch begegnen zu können“. Aus brasilianischer Sicht dürfte die Bewertung angesichts des konservativen Rollbacks im Land allerdings anders aussehen – auch weil mit Marighella ein Afrobrasilianer im Mittelpunkt steht, und der strukturelle Rassismus in Brasilien in diesen schwierigen Tagen immer wieder evident wird. Bezeichnend ist, dass Wagner Moura bereits bei der Finanzierung des Films große Schwierigkeiten hatte; an ein solch ein heikles Thema wollte sich schon vor der Wahl des Militärdiktatur-Apologeten Jair Bolsonaro zum Präsidenten kaum einer heranwagen.

Bei der Premiere in Berlin dankte Moura dann „alle jenen, die gegen die Militärdiktatur gekämpft haben sowie jenen, die heute Widerstand leisten“. Von den gesellschaftlichen Spannungen in seiner Heimat zeugt auch die Entscheidung der Botschaft Brasiliens in Berlin zum ersten Mal keinen Empfang für die brasilianischen Berlinale-Teilnehmer*innen auszurichten. Es wird vermutet, dass der kritische Tenor der zwölf brasilianischen Festivalproduktionen dafür ausschlaggebend war. Interessant ist es deshalb durchaus, wie „Marighella“ in Brasilien aufgenommen werden wird. Wenn er dort denn überhaupt in die großen Kinos kommt. 

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